392 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.
Schiller in dem litterarischen Monatsjournal die „Hören" einen Sammelplatz der hervor-ragendsten Schriftsteller Deutschlands auf dem Litteraturgebiete, von dessen geweihtem Bodenpolitischer und religiöser Streit verbannt war. In dem „Musenalmanach", welcher auf die„Hören" folgte, vereinten sich die beiden großen Dichter zu den satirischen „Genien", in denensie die Gegner ihres hohen Strebens geißelten und zermalmten.
Ihr Zusammenwirken ist für beide höchst fruchtbar geworden, doch vorderhand mehr fürGoethe, dessen epische Arbeit nun begann, während die dramatische Fruchtbarkeit beider Dichterlauge Zeit ruhte. Schiller regte den Freund rastlos an; Goethes erster Roman, der einzige,welcher in die klassische Periode fällt, „Wilhelm Meisters Lehrjahre", wurde „von ihm zuerstbeeinflußt". Dies merkwürdige Selbstbekenntnis bezieht sich auf die erste Hälfte des Werkes,den Theaterroman, ein frisches, naturwüchsiges, farbensattes Lebensgemälde, während die zweiteHälfte, der Geheimbundroman, welcher übrigens nicht an die Freimaurer, sondern an die Jllu-minaten erinnert, schon an den Anwandelungen der Romantik krankt. Schiller, der nichtFreimaurer war, hat die humane Idee des Bundes in seinem „Lied an die Freude" vielrichtiger erfaßt, als der Logenbruder Goethe, welcher beinahe nur für die mystische Seite derVerbindung Interesse hatte.
Allein Goethe verstand es wohl, sich aus den Banden der Reflexion loszureißen. Indem unsterblichen Gedichte „Hermann und Dorothea", auf dessen meisterhafte Hexameter ersich in seiner "Bearbeitung des „Reineke Fuchs" vorbereitet hatte, erhob er die deutsche Familieund das deutsche Bürgertum aus ihrer beliebten prosaischen Auffassung auf die lichten Höhender Poesie. Vielleicht nimmt dieses Werk den Rang gleich nach dem „Faust" ein, mit welchemes in manchem, was nicht den quälenden Gedanken berührt, wetteifert, und den es an Har-monie und Reinheit sogar überragt. Wie auf „Hermann und Dorothea", so hat Schillerauch auf die Fortsetzung des noch unvollendeten „Faust" anregend eingewirkt.
Den beiderseitig fruchtbarsten Erfolg hatte aber des Dichterpaares Freundschaft in demherrlichen Kranze der Balladen und Romanzen, die aus dem „Musenalmanach" seit demvierten Jahre vor dem Ende des Jahrhunderts hervorgingen. Der Löwenanteil daran gebührtSchiller, der sich mehr unter Menschen, wie Goethe mehr unter Göttern und geisterhaftenWesen bewegt; man vergleiche den „Fischer", den „Gott und die Bajadere", den „Erlkönig",den „getreuen Eckart" und die unheimliche „Braut von Korinth" mit Schillers „Bürgschaft",dem „Handschuh", dem „Kampf mit dem Drachen", dem „Taucher", den „Kranichen desJbykus", dem „Ring des Polykrates" und dem „Gange nach dem Eisenhammer", derenkristallene Klarheit entzückt, so sehr auch die Gestalten aller dieser Balladen romantisch idealisiertsind. Noch höher steht die klassische Schaffenskraft Schillers in dem herrlichen, das ganzeMenschenleben bald lieblich, bald ergreifend malenden „Lied von der Glocke".
Als das drittletzte Jahr des achtzehnten Jahrhunderts sich seinem Ende zuneigte, trat einWendepunkt in dem Schaffen der zwei großen Geister ein durch ihre Rückkehr zu dem ver-lassenen Theater. Hier war Goethe der leitende und anregende, Schiller dagegen der schaffendeund staunenswert fruchtbare Geist.
Schon 1791, fünf Jahre nach der durch Friedrichs des Großen Tod ermöglichten Germani-sierung des Berliner Hoftheaters, hatte Goethe die Leitung der Hofbühne zu Weimar über-nommen. Schröder (S. 362) und Jsfland arbeiteten damals durch ihre bürgerlichenRührstücke dem rasselnden Ritterdrama entgegen, während August von Kotzebue die Bühnezum Tummelplatz des Trivialen und Schlüpfrigen erniedrigte, so daß das Theater der Dichtermit dem edleren, zu gleicher Zeit sich mächtig erhebenden Theater der Musiker keinen Vergleichaushielt. Diesem Mißverhältnis abzuhelfen war Goethes Werk,. indem er Shakespeare undselbst die Griechen und Römer neben seinen, sowie Schillers und Lessings Stücken zur Geltungbrachte, aber auch gegen verbessernde Bearbeitung des französischen Theaters nicht spröde war.Durch ihn hielt jetzt das Jambendrama seinen Triumphzug über die deutsche Bühne. Schilleraber erhob das eigentlich deutsche Schauspiel auf seinen Höhepunkt. Sein Doppeldrama„Wallenstein" mit dem Vorspiel des „Lagers" wurde die erste klassische Tragödie mitdeutschem Stoffe, die starke Wiederbelebung deutschen Sinnes nach langer Zeit der Vaterlands-