Die Philosophie Kants und Fichtes.
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Hypothesen als Gesetzen, zum erstenmale durchbrochen. Das Übersinnliche hat er auf dieStellung bloßer Forderungen der praktischen Vernunft beschränkt und damit die Philosophiefür immer von der Theologie getrennt. Er ist es auch, der die Moral, d. h. die Notwendig-keit des Handelns in der Weise, daß es als Prinzip allgemein menschlicher Gesetzgebung geltenkann, als „kategorischen Imperativ" in die Philosophie eingeführt und die Religion auf dieMoral gegründet hat, nachdem bis auf ihn das Umgekehrte geschehen war.
Daß Kant zu früh gekommen, bewiesen seine Nachfolger, welche das Aufstellen vonHypothesen wieder in die Philosophie eingeführt haben. Den Übergang von Kant zur völligenHerrschaft dieser Richtung vermittelte Johann Gottlieb Fichte (1762—1814), ein LandsmannLessings. Seine Absicht, die „Kritik der praktischen Vernunft" weiter zu führen, versuchte erdurch seine „Kritik aller Offenbarung", die man anfangs für ein Werk von Kant hielt, zuverwirklichen. Was der Königsberger Philosoph in jenem Werke verlangte, nämlich denGlauben an das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit des Willens,das sollte nach Fichtes Ansicht, in dem Falle, daß jene Ideen der Menschheit verloren gingen,durch eine „Offenbarung" ihr wieder beigebracht werden. Da er jedoch verschwieg, unterwelchen Bedingungen eine solche Offenbarung als göttlich anerkannt werden müsse, so ist seinBuch nur ein glänzendes Geistesspiel. Weit höher steht Fichtes im Jähre 1794, als Goetheund Schiller Freunde wurden, in Jena erschienene „Wissenschaftslehre". In diesem Werkefaßte er alles, was ist, zu dem zusammen, was er „das allgemeine, das ideale Ich" nannte,d. h. den Geist der Welt, welchen die Religion Gott nennt, dessen Ausfluß oder Werkzeug dasindividuelle Ich ist, das jedoch durch die Entwickelung der reinen Sittlichkeit mit dem idealenIch wieder eins wird, so daß die Außenwelt, soweit sie nicht Handlung des reinen Ich ist,wertlos und bloßer Schein wird. Es ist begreiflich, daß der großartige Kern dieser phan-tastisch erscheinenden Lehre für die Welt unverständlich blieb, und daß Fichte als Atheist vonWeimar vertrieben werden konnte, worauf er in Preußen Aufnahme fand und — einen neuenStandpunkt gewann.
Bei der Mitwelt beruhte indessen Fichtes Ruhm größtenteils auf seiner Rechts- undStaatslehre. Während der französischen Schreckensherrschaft forderte er von den FürstenEuropas die Denkfreiheit zurück und erklärte als Endzweck des Staates die Kultur der Freiheit,d. h. des Rechtes, kein Gesetz anzuerkennen, als das sich selbst gegebene. Er verteidigte dieMenschenrechte, verwarf den Adel, lehrte die Trennung von Staat und Kirche, verlangte aberdas Einschreiten des Staates gegen gefährliche Umtriebe der Kirchen und der Einzelnen. Späterkehrte er von diesen demokratischen Anwandelungen zur Monarchie und Aristokratie zurück, aberunter Aufstellung von Vorsichtsmaßregeln gegen ihre Willkür. Am Ende des Jahrhundertswurde Fichte durch seinen „geschlossenen Handelsstaat" zum Begründer des Staats- oder Katheder-sozialismus. Auf der Höhe seiner politischen Anschauung werden wir ihm während der Fremd-herrschaft in Deutschland begegnen.
Fichte stand indessen vereinzelt da, und die philosophische Welt folgte fast ohne Ausnahmeder Fahne Kants. Dessen Anhänger jedoch gestatteten sich eine Menge eigenartiger Auffassungen;so der Exjesuit Reinhold, Ernst Schulze, Friedrich Bouterwek, Traugott Krug, der Kants Nach-folger in Königsberg geworden war, Friedrich Fries u. a. Der letztere (1773—1843) warder treueste Schüler Kants; er gab der Lehre seines Meisters Abrnndung und Vollendung.
Jena und Göttingen waren die hervorragendsten Pflanzstätten der Kantschen Philosophie.Ohne gelehrte Art bildete sie Christian Friedrich Krause (1781—1832) in Verbindung mitfreimaurerischen Ideen weiter, indem er ein System staatlicher Vergesellschaftungen aufstellte,welches ihn zum Vorläufer der späteren besonneneren Reformer und Fortschrittssrennde machte.Die übrigen Philosophen der ersten Zeit unseres Jahrhunderts gehören in weitere Phasen desKulturlebens, auf welche sie Einfluß ausübten, und von denen sie ihrerseits Einwirkungenempfingen.
Alle diese Philosophen haben viel auch über die Erziehung des Menschen nachgedacht;gewirkt aber hat für dieselbe in ihren Grundlagen, nämlich in der Erhebung der Kindesseeleaus dem Naturzustände znm Geistesleben, ein schlichter, von den Überfcinerungen der Kultur