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Zweiter Band.
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Z94 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.

Gedichten", welche der Dialektpoesie Bahn brachen. Seume besang die Freiheit, Tiedge dieUnsterblichkeit, Matthisson und Salis elegische Stimmungen, welche in harmloser Weise,wie manche der oben genannten Schöpfungen, den Übergang zur romantischen Schule be-zeichneten. Leider hatte die klassische Richtung auch ihre lustigen Personen neben sich, welche,wie der Exjesuit Blumauer in seiner travestierten „Äneide" und „Kortüm" in seiner„Jobsiade", die Göttin Poesie zur Possenreißern» herabwürdigten.

Die erhabene Dichtung Goethes und Schillers war durchaus von Philosophie getragen:von der Philosophie der Natur bei jenem, von derjenigen der Geschichte bei diesem. Goethewar ein stimmungsvoller Landschafts-, Schiller ein figurenreicher Historienmaler mit der Feder.Dort die Ruhe, hier die Bewegung. Goethes Dichtungen sind mit Werken der bildenden Kunstzu vergleichen, von denen sie den durchdachten Aufbau, die sorgfältige Ausfeilung, die reineTendenz der Schönheit haben, während die humanen und politischen Gedanken Schillers mehran eine klangvolle Schöpfung der Tonkunst erinnern, welche die Stimmungen der Seele inSchallwellen hinausbraust. Goethe war in allem ein plastischer Künstler; er mußte bilden undformen. Ihn befriedigte die Natur, wie sie sich darbot, nicht: er phantasierte aus ihr heraus,in der „Morphologie der Pflanzen", eine „Urpflanze"; er versuchte eine auf seine poetischeNaturauffassung gegründete Farbenlehre und Knochenlehre, — alles Ansätze zu Kunstwerken,aber nicht wissenschaftliche Forschungen. Wie Winckelmann die Geschichte der alten, so be-gründete Goethe die der neueren Kunst durch sein Leben des „Benvenuto Cellini", seineAbhandlung über das Abendmahl des Lionardo da Vinci, seine Mitteilungen über Winckel-mann und Hackert. Der Maler und KunstschriststellM Heinrich Meyer (1760—1832) ausZürich ward über Fragen der Kunst sein Berater. Die Kunst des Mittelalters dagegen ver-stand Altmeister Goethe nicht. —

Während Goethe nur die Natur und die Antike als seine Lehrerinnen anerkannte, standSchiller als Philosoph auf den Schultern Kants, dessen System er gewissermaßen durch Ein-fügung der Geschichts- und der Kunstphilosophie weiter ausbaute. Die allmähliche Vervoll-kommnung des Menschen durch den idealen Staat ist, wie der Grundgedanke der Freimaurerei,so derjenige Schillers, welcher der Loge nicht angehörte. Die hohen Gestalten der Dramenund Balladen unseres Dichters sind nur dann zu verstehen, wenn sie als Menschen aufgefaßtwerden, wie sie durch den idealen Staat der Zukunft, welchen Schiller in seinen ästhetischenAbhandlungen verlangte, einst verwirklicht werden sollten. Die ästhetische Erziehung desMenschen durch die Geschichte ist deshalb der rote Faden, der Schillers poetische und prosaischeWerke durchzieht. Daher hat nach ihm die Kunst nicht nur die Darstellung des Schönen,sondern auch die des Wahren und Guten zum Zwecke. Durch die innige Verbindung dieserdrei erhabensten Ideen sollte nach seinem System die Bahn zur Erreichung der höchsten mensch-lichen Ideale führen.

Leider ist dieser großartige Jdeenbund weder von den Dichtern, noch von den Philosophennach Schillers frühem Ende verwirklicht worden. Beide gingen ihre eigenen Wege. Schillersgeistiger Lehrer aber, der Weise von Königsberg, Jmmanuel Kant (1724—1804), der fastgleichzeitig mit ihm starb, aber als Greis, während Schiller in der Blüte des Menschendaseinshinschied, hat weiter in die Zukunft hinaus gewirkt wie alle seine Nachfolger. Obschon mitseinen Anfängen in der Periode der Aufklärung wurzelnd und seine Hauptwerke vor derklassischen Zeit der beiden großen Dichter beginnend, ist Kant der eigentliche Philosoph desneunzehnten Jahrhunderts geworden. Sein erstes großes Werk, die „Kritik der reinen Ver-nunft", erschien 1781, im Todesjahre Lessings und im Geburtsjahre der „Räuber"; seinzweites, die „Kritik der praktischen Vernunft", 1787, im letzten Jahre der Sturm- und Drang-periode, das zugleich das Geburtsjahr der klassischen deutschen Dichtung war; mit seinem drittenWerk, der „Kritik der Urteilskraft", die Grundlage der späteren Ästhetik, trat er 1790, gleichzeitigmit Goethes „Tasso" hervor. Den Schluß bildete im Jahre 1793 die „Religion innerhalb derGrenzen der bloßen Vernunft", zu der Zeit, als Schiller über Anmut und Würde schrieb.

Kants Auftreten bedeutet eine vollständige Umwälzung in der Geschichte der Philosophie.Er hat die alte scholastische Methode des Behauptens ohne Beweis, des Aufstellens von