398 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.
verwahrlosten Volkes hinzielten. In festere Form goß er sein System seit dem Ende desachtzehnten Jahrhunderts in seiner Anstalt zu Burgdorf. Viel freilich litt dasselbe unterseiner verworrenen Methode oder vielmehr unter dem Mangel an aller Methode; einseitigberuhte es auf dein Unterricht im Rechnen, Zeichnen und in der Sprachlehre, oder wiePestalozzi sich ausdrückte, in Zahl, Form und Sprache. Um Lesen und Schreiben kümmerte er-sieh nicht; Aufgaben erteilte er nicht, Arbeiten sah er nicht durch; die Zeit regelte er nicht.Aber höhere Geister, — Fichte war einer der ersten, — erkannten den schimmernden Kernunter der rauhen Schale, und seit er in Jverdon im Kanton Waadt wirkte, sammeltensich Zöglinge aus allen Ländern Europas und selbst aus der neuen Welt um ihn. Seinunpraktisches Wesen aber und die Eitelkeit seiner Gehilfen führten das Scheitern seinerAnstalt herbei, — nicht aber das seiner Ideen. Auf Pestalozzi, der, ohne in einem Wunder-glauben befangen zu sein, ein rührendes Bild höchster Sittlichkeit war, haben alle pädagogischenReformer der Neuzeit, nach verschiedenen Richtungen sein System ausbildend, weiter gebaut.Auf der von ihm geschaffenen Grundlage ruhen die Blinden- und Taubstummen-, die Besse-rungs- und Rettungsanstalten, die Armen- und Fortbildungs-, die Handels- und Gewerbe-,die Landwirtschafts- und Forst-, die Bürger- und Töchterschulen, vor allem aber die Volks-schule der Gegenwart. Die Ersten, welche Pestalozzis Lehre in das Leben einführten, warender Berner Patrizier Philipp Emanuel von Fellenberg, der Gründer der damals berühmtenAnstalten vorn Hofwil bei Bern, welche den geistigen Bedürfnissen des Menschen vom Fürsten-sohn bis zum armen Kinde gerecht wurden, und der von ihm herangezogene Armenvater undLehrererzieher Wehrli. Die englische Treibhauspflanze der Bell-Lancasterschen Methode desgegenseitigen Unterrichts, welche 1804 der Lehrer Stab in Kloy in Preußen, ohne von ihrenErfindern etwas zu wissen, in Deutschland einführte, konnte der Richtung Pestalozzis keinenEintrag thun, so eifrig auch deren Apostel Dinter, Denzel, Zerrenner und andere wirkten.
In völligem Einklänge mit dem in der Kunst und Litteratur durch Überwindung desSturms und Drangs sich bekundenden Streben nach selbstloser Wiedergabe des Schönheits-ideals der Antike gelangte um dieselbe Zeit das Klassische auch in der Mittelschule zu neuerGeltung. Der Humanismus erneuerte und verjüngte sich, aber nicht in der älteren Gestalt desfünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, nicht mit dem einseitigen Ziele, die alten Klassikerneu aufleben zu lassen, sondern als philologisches System. Es galt, nach zwei Seiten hinFront zu machen: gegen den Pietismus und Jesuitismus, welche jene Kernschriftsteller desAltertums als heidnische ansahen und sie zu beseitigen oder wenigstens zu verstümmeln oderdurch die Kirchenvater zu ersetzen suchten, und gegen den Philanthropinismus, welcher zu Gunstender Aufklärung und der praktischen Kenntnisse eine gründliche klassische Bildung als veraltetverachtete. Gelehrte Bildung sollte zwar nicht allein herrschen wie bei den alten Humanisten,aber die Grundlage alles Wissens bilden. Damit trat,- abgesehen von den späteren Über-treibungen dieser Richtung, ein Idealismus an Stelle des Realismus. Nicht die Sammlungvon Kenntnissen sollte fürder die Hauptsache sein, sondern die Sättigung des Geistes mit demhumanen Inhalte der ewigen Vorbilder des Schönen, Wahren und Guten. Der WürttembergerProfessor Friedrich Niethammer (1766—1848), der Begründer dieses neuen Humanismus,war noch in vielen Punkten seines Strebens unklar und einseitig; aber es folgten sofort auchmethodische Geister seiner Fahne. Sie begannen mit der Veranstaltung neuer kritischer Aus-gaben der griechischen und römischen Klassiker, sowie mit der Abfassung neuer gründlicherWörterbücher und Sprachlehren der beiden klassischen Zungen.
Die neue Richtung war schon über ein Jahrhundert im stillen durch eifrig wirkendeSchulmänner vorbereitet, wurde aber am meisten gefördert durch den Chemnitzer ChristianGottlob Heyne (1729—1812), der Professor und Bibliothekar in Göttingen war. Durchihn erhielten die klassische Altertumskunde, Mythologie und Litteraturgeschichte die Methode derWissenschaft; seit ihm handelte es sich in der Philologie nicht mehr um das bloße Lesen undErklären der Klassiker, sondern um die Zusammenfassung des gesamten antiken Kulturlebens zueinem großen Gesamtbilde. Auch die Reform der Gymnasien in einem freieren und edleren,auf humanistischem Geiste ruhenden Sinne und die verbesserte Einrichtung der philologischen