Humane Bestrebungen auf kirchlichem Gebiete. Die klassische Musik. 401
daß Haydn in seiner Heimat nicht gekannt war, ehe er nicht in England Ruhm erworben hatte.Von ihm rührt die Melodie der österreichischen Volkshymne auf Kaiser Franz her. Seine zweigrößten Werke, die Oratorien „die Schöpfung" und „die Jahreszeiten", entstanden 1779 und1801, zur Zeit der herrlichsten Dichtungen Schillers. Er starb, von jubelnden Huldigungender Mitwelt umgeben, einen beneidenswerten Tod, wenn auch unter dein Kanonendonner dessein Vaterland verheerenden Krieges.
Weniger glücklich war sein jüngerer Landsmaun Wolfgang Amadeus Mozart, der jungDahingeschiedene, der Rafael und Schiller unter den Tonkünstlern, der 1756 in Salzburggeboren worden und im Jahre 1791 in Wien starb, sozusagen hingemordet von den Ränkender neidischen italienischen Musikanten, die ihn sein kurzes Leben lang verfolgten. Schon mitsieben Jahren als Wunderkind die Welt entzückend, mit vierzehn bereits Kapellmeister des ihntyrannisierenden Erzbischofs von Salzburg, schuf er seine unsterblichsten Werke „Die Entführungaus dem Serail", „Figaros Hochzeit", „Don Juan" in noch jugendlichem Alter. Im Jahreseines frühen Todes aber komponierte er die herrlichste deutsche Oper, die „Zaubcrflöte", —zuletzt, gleichsam für sich selbst, das erschütternde „Requiem". Ohne Frage steht Mozart anKlassizität den großen Dichtern seiner Zeit und seines Stammes am nächsten; er ist der viel-seitigste und genialste aller deutschen Tonmeister und wohl ^>er größte Musiker aller Nationen.
Mozart war der Freund, Ludwig van Beethoven, in Bonn 1770 geboren, gestorbenim Jahre 1827 in Wien, der Schüler Haydns. Frühreif wie Mozart wurde Beethovenschon mit vierzehn Jahren Hoforganist seines Erzbischofs, eines Bruders Kaiser Josefs, dessenTod er in einer Tranerkantate besang. Der Anfang der Berühmtheit des herrlichen Tondichtersder Symphonien und einer einzigen, aber unsterblichen Oper „Fidelio" fällt in die unvergäng-lichen Jahre der Freundschaft Goethes und Schillers. In seinen späteren Jahren warBeethoven leider von Taubheit, der härtesten Prüfung eines Musikers, heimgesucht, undschwarzer Undank, den er von Nahestehenden erfuhr, verbitterte ihn. Seinen allzu frühenTod betrauerte ganz Europa. Wenn auch tief religiös, war er doch freisinnig wie Mozartund wie die beiden größten deutschen Dichter; freimütig war er selbst gegen Große und vorallein war er ein guter Deutscher. Mit ihm aber hatte die mehr als hundertjährige „Genie-Periode" der deutschen Tonkunst ihr Ende erreicht.
Mit der Blüte der Musik ging ferner eine erhöhte Entwickelung im Schaffen derBildhauerkunst parallel, die seit dem Auftreten Canovas und Thorwaldsens auch inDeutschland ihre Jünger fand. Im Geiste Schillers und Goethes, und mit ihnen in Ver-bindung stehend, arbeiteten die Maler und Bildhauer aus der Familie Naht in Kassel: dasGemälde „Hektor und Andromache" von Joh. August Nahl erhielt auf der Ausstellung desJahres 1800 in Weimar den ersten Preis. Der Stuttgarter Joh. Heinrich Dannecker(1758—1841) wirkte Bedeutendes für die Wiederbelebung der plastischen Kunst; er schuf einein antikem Sinne geistvoll aufgefaßte Schillerbüste und viele andere Werke, unter denen eineAriadne auf dem Panther von hervorragender Schönheit ist. Martin Wagner (1777—1858)stellte in seinen: Relief der Völkerwanderung für die Walhalla das Leben der alten Germairendar. Gottfried Schadow (1764—1850) bildete die Siegesgöttin in der Quadriga auf demvon Langhaus in Berlin erbauten Brandenburger Thor. Das Wirken dieser Künstler reichtezwar nicht in eine spätere Zeit hinein, es fußt aber dennoch auf dem klassischen Geiste desAnfangs unseres Jahrhunderts.
In dieser Periode klassischer Thätigkeit auf allen idealen Gebieten bereitete sich auch aufdem Felde materiellen Schaffens ein merkwürdiger Umschwung vor. In allen größeren deutschenStädten griff gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein bedeutsames Streben nach Ver-größerung und Verschönerung, eine fröhliche Baulust Platz. Die Stadtthore fielen an manchenOrten und wurden durch Gitter ersetzt. Man begann Villen außerhalb der Städte zu er-richten, oft in griechischem Stile. Von Berlin wurde im letzten Jahre des Jahrhundertsgeschrieben: „Die meisten Straßen sind geräumig, breit und die Häuser selbst über Vier-Etagen hoch. Auch an freien und offenen Plätzen mangelt es nicht. Man empfindet daherdas Drückende der Luft in denselben nicht, was in Wien, Hamburg und anderen Städten,
Teutsche Kulturgeschichte. II. 26