400 Sechstes Buch. II. Die klassische Blütezeit des deutschen Geisteslebens.
an, dasselbe nicht zu beherrschen, sondern zu fördern. Er führte ferner die deutsche Sprachein den Gottesdienst ein, ließ die gesamte Gemeinde alte, schöne deutsche Kirchenlieder singen undüberflüssige Messen durch deutsche Verlesung und Erklärung der Evangelien nützlich ersetzen, —alles nicht ohne Billigung des Bischofs und des Kapitels. Diesem Streben entsprach es, daßdamals an verschiedenen Orten die katholische Geistlichkeit einen versöhnlich milden Geist zeigteund sich selbst dem Freimaurerbunde näherte. Die Loge zu Regensburg stand unter derLeitung des gutkatholischen Fürsten von Thurn und Taxis; neben dessen ganzen Hofstaatebefanden sich unter ihren Mitgliedern mehrere Geistliche. Auch der Erzbischof Dalberg gehörtedem Bunde an. Selbst Mönche und Nonnen schwärmten für Zschokkes durchaus rationalistische„Stunden der Andacht". — In welcher Weise die Wessenbergische Richtung endete und wasan ihre Stelle trat, werden wir weiterhin sehen.
Faksimile der Radierung von Salomou Gsßner.Originalgröße.
Wie in der Dichtung, wie in der Philosophie, wie in der Schule und teilweise in derKirche, so sah der letzte Scheidepunkt zweier Jahrhunderte auch im berückenden Reiche derTöne einen mächtigen Aufschwung zur Verwirklichung des Ideals der Klassizität, d. h. derdurch Nebenzwecke ungetrübten Darstellung des Schönen, Wahren und Guten. Den Schauplatzdieses Gebietes klassischen Strebens bildete das in dem Reiche der klassischen Dichtung undWissenschaft bis dahin nicht vertretene Österreich. Hier wurde die eigentliche moderne Musikgeboren; hier folgten den drei Meistern der Renaissance, Bach, Händel und Gluck, die dreivielseitigeren Meister der neuen Klassik, Haydn, Mozart und Beethoven, die Heroen des Ora-toriums, der Oper und der Symphonie.
Josef Haydn (1732—1809) ist „nicht allein der Vater des musikalischen Humors, er istzugleich der Begründer unseres heutigen Orchesters, sowie der modernen Instrumentierung . . .auch der erste Meister, der uns durch seine Tongestalten zu uns selbst zurückführt und unsim eigenen Bolkstum, in unserer deutschen Heimat, Einkehr halten läßt. . . sowie der ersteWecker eines musikalischen Verständnisses, welches über unsere gebildeten Kreise hinaus bis inskleine Bürger- und Handwerkertum zu dringen vermochte." Charakteristisch für jene Zeit ist,