Napoleon l. in Deutschland.
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Als dieser korsische Abenteurer sich anfänglich an die Spitze des Staates schwang, danndurch erzwungene und gefälschte Volksabstimmungen sich zum lebenslänglichen Konsul und end-lich zum erblichen Kaiser ernennen ließ, gehörte auch das deutsche Land am linken Rheinuferzu Frankreich. Es rechtfertigt sich daher, einen Blick auf letzteres und seine Zustände zuwerfen. Die den Titel eines gesetzgebenden Körpers führende Versammlung wurde vorn Senategewählt, welcher sich selbst ergänzte, nachdem sein Kern von den Konsuln ernannt worden war.Die Mitglieder der Gemeindebehörden wurden sämtlich von der Regierung gewählt. Dieseletztere bestimmte auch, welche Zeitungen und Bücher zu dulden waren und welche nicht; eigen-mächtig sandte sie Bürger, die ihr gefährlich schienen, nach dem mörderischen Klima vonCayenne; sie ernannte außerordentliche Gerichte, überwachte die Bildung der Geschworcnenlisten,nahm nach Belieben Verhaftungen vor; acht neue „Bastillen" errichtete sie statt der einen altenund unterhielt im ganzen Reiche Spione, von denen es in allen öffentlichen Lokalen und aufallen Spaziergängen wimmelte. Auch die Bischöfe ernannte die Regierung und gab, um denPapst zu gewinnen, die Rechte der gallikanischen Kirche preis. Im Mutterlande wurde derAdel und in den Kolonien die Negersklaverei wieder hergestellt. Die höheren Schulen wurdenin militärische Uniformität gepreßt, während die niederen vernachlässigt wurden. Noch imJahre 1857 war beinahe ein Drittel der französischen Soldaten des Lesens und Schreibensunkundig; wie muß es erst ein halbes Jahrhundert früher ausgesehen haben?
Im ganzen Staate griff die niedrigste Schmeichelsucht Platz. Auch in deutschen Städten,wie Aachen, Köln, Mainz, welche der neue Kaiser besuchte, der die Keckheit hatte, sich alsden Nachfolger der alten Kaiser auszugeben, brachte mar^ ihm Huldigungen entgegen. Eswurde ein katholischer Katechismus verfaßt und in den deutschen Teilen des „neufränkischen"Reiches auch in der mißhandelten deutschen Sprache verbreitet; darin standen unter anderenfolgende Blasphemien: „Welches sind die Pflichten der Christen gegen die Fürsten, welchesie regieren; und welches sind im besonderen unsere Pflichten gegen Napoleon I., unserenKaiser? Antwort: Die Christen schulden den Fürsten, welche sie regieren, und wir im be-sonderen unserem Kaiser Napoleon die Liebe, die Achtung, den Gehorsam, die Treue, denMilitärdienst (!), die zur Erhaltung und Verteidigung des Kaiserreiches und seines Thronesverordneten Steuern (!), wir schulden ihm auch heiße Gebete (!!) für sein Heil und für dasgeistige und weltliche Gedeihen des Staates. — Warum sind wir zu allen diesen Pflichten gegenunseren Kaiser angehalten? Antwort: Weil Gott, welcher die Reiche schafft, und sie nach seinemWillen verteilt, unseren Kaiser, indem er ihn mit Geschenken im Frieden und Krieg (!) über-häuft, als unseren Souverän aufgestellt, ihn zum Diener seiner Macht und zu seinem Bildeauf Erden (!) gemacht hat. Unseren Kaiser ehren und ihm dienen, heißt daher Gott ehrenund ihm dienen (!!). — Was muß man von jenen denken, welche ihre Pflicht gegen unserenKaiser nicht erfüllen? Antwort: Nach dem Apostel Paulus widerstreben sie der von Gott selbsteingesetzten Ordnung und machen sich der ewigen Verdammung würdigst)." — -—
Noch war kein Jahr seit der Kaiserkrönung des korsischen Emporkömmlings verflossen, alsderselbe zum erstenmale den Rhein, früher Deutschlands Stolz, damals dessen Grenze, über-schritt und dadurch die Ereignisse eröffnete, welche dem alten deutschen Reich ein Ende machten.Westdeutschland war ihm bereits ergeben, Preußen schon halb gewonnen; nun sollte das wider-strebende Österreich gezüchtigt werden. Damit hatte die Fremdherrschaft in Deutschland ihrenAnfang genommen; die elenden Zustände des alten Reiches hatten dem neuen Weltreiche selbstdie Wege gebahnt. Der Heuchler schrieb an seinen Bruder: „Mein Herz blutet vor Schmerz,wenn ich an die Leiden denke, die aus diesem Kriege hervorgehen werden; aber Gott weiß, ichbin daran unschuldig." Unschuldig war er nicht, wohl aber vorläufig unüberwindlich. Öster-reich, dessen stolzes Wien die Franzosen besetzten, in dessen Kaiserschloß Schönbrunn Napoleonder Welt Gesetze gab, erlag bei Austerlitz; es verlor Tirol und den Adria. Württembergund Baiern, später auch Sachsen, wurden Königreiche von Frankreichs Gnaden, welches aucham rechten Rheinufer durch das „Großherzogtum Berg" unter dem Schenkwirtssohne MuratFuß faßte. Deutschlands Name wurde vernichtet, 1806 ein Rheinbund mit AusschlußPreußens und Österreichs gegründet. Der letzte „römisch-deutsche" Kaiser Franz II., der sich