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Zweiter Band.
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Sechstes Buch. III. Fremdherrschaft und Romantik.

in Voraussicht neuer Zeiten bereits seit dem Jahre 1804 „Kaiser von Österreich" nannte, ver-zichtete ganz im stillen auf die alte Kaiserwürde. Preußen, welches noch die SchöpfungFriedrichs des Großen zu sein glaubte, aber unter dessen Nachfolger entartet war und dienotwendigen Reformen versäumt hatte, unterlag in den Unglücksschlachten von Saatfeld, Jenaund Auerstädt. Entmutigung, Unfähigkeit und Verrat wetteiferten, die preußischen Festungendem Landesfeinde zu überliefern, — nur wenige Heerführer erhielten ihren Namen und ihre Ehrerein: Blücher, L'Estocg, Courbiöre, Gneisenau, Schill. Der wackere Joachim Nettelbeckerprobte in Kolberg deutsche Bürgertngend. Napoleon zog in Berlin ein; die Franzosen warenbis zur Ostsee verbreitet; Deutschland lag zu ihren Füßen, bei Tilsit von dem schwachen ZarenAlexander I. um den Preis einer vorgespiegelten Teilung der Weltherrschaft verraten. DerSieger erfand ein seinem jüngsten Bruder Jerome verliehenes „Königreich Westfalen", um im HerzenDeutschlands festen Fuß zu behalten, und ein „Herzogtum Warschau", sowie eine „RepublikDanzig", um das verhaßte, gedemütigte Volk auch von Osten her zu umfassen und zu knechten.

So konnte der Unterdrücker im Jahre 1808 die Glanztagc von Erfurt als thatsächlicherHerr Deutschlands, als Mithcrrscher des Zaren über Europa feiern, umgeben von dienst-beflissenen Königen und Fürsten. So konnte er mit Befriedigung sich sagen, daß Deutschlandaußer Österreich und Preußen, der sogenannte Rheinbund, in einer uns heute unbegreiflichenVerblendung ihm ergeben war, und sich sogar freute über die Niederlagen der beiden, nunauf sich selbst gestellten deutschen Großstaaten, in welchen jener Knechtssinn weniger vorkam,vielmehr der Haß gegen den Erbfeind tiefe und immer tiefere Wurzeln schlug. Die Rhein-bundstaatcn wurden förmliche Abklatsche des napoleonischen Frankreichs; ruhig ließ man jedeUnterdrückung über sich ergehen, weil sie mit schönen Redensarten übertüncht war. Wer eswagte, solchen Spiegelfechtereien nicht zu trauen, war der Verfolgung als Hochverräter sicher.Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers Palm, welcher wegen des Verlags der Schrift„Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung" am 26. August 1806 ohne Recht und Gesetz zuBraunau erschossen wurde, schreckte von weiteren Verkündigungen freien Wortes ab. Spioneverfügten wie in Frankreich über Ehre, Eigentum, Freiheit und Leben deutscher Männer nndFronen. Dem Eroberer mußte Gut und Blut der Rheinbundstaaten hingeopfcrt werden. Notund Elend wuchsen von Tag zu Tag, wofür die „Aufklärung", welche die französische oderfranzöselnde Herrschaft im Kirchen- und Schulwesen zur Schau trug, und sogar die Aufhebungder Leibeigenschaft nur einen sehr ärmlichen Ersatz boten. Daß die Feinde des Fortschrittsund der Gedankenfreiheit den meisten Widerstand gegen die neue Ordnung der Dinge leisteten,schuf derselben bei den Freisinnigen um so mehr Anhang und machte sie für den ihr ent-springenden Druck unempfindlich. Die Verbindung von Fortschritts- und Vaterlandsliebe warnoch nicht gefunden und sollte leider noch lange nicht gefunden werden. Der ehemalige JlluminatGraf Montgelas, aus einer ursprünglich savoyischen Familie, knebelte Baiern im Sinne desaufgeklärten Despotismus. In Württemberg kehrten die Tyrannenlauncn Karl Eugens (S. 366 f.)unter Friedrich I. wieder. Unter dem Schwiegersohn dieses Herzogs, Jerome Bonaparte, regiertein Kassel die Liederlichkeit, beuteten Franzosen der zweifelhaftesten Art das Land aus, währendDeutsche sich dazu hergaben, ihnen Schergendieufte zu leisten. Die Schmach erreichte ihrenGipfel, als der neue Cäsar im Jahre 1810, wie vorher Holland, so nun, in blutigem Höhneauf alle Begriffe von Nationalität und Freiheit, und selbst der französischen Phrase von derRheingrenze zum Hohn, — die drei Hansastädte und das zwischen ihnen liegende Nordseegebietmit dem französischen Reiche vereinigte. Der grausame Marschall Davoust erneuerte in Ham-burg die unerträglichsten Zeiten römischer Prokonsuln. Diese Maßregel stand im engsten Zu-sammenhange mit der Handelssperre des europäischen Festlandes (Kontinentalsystem), welchedem erbittertsten und standhaftesten Feinde Napoleons, England, die Lebensadern unterbindensollte. Unaufhörlich sah man an allen Orten, wohin sich ungeachtet drakonischer Maßregelnenglische Waren verirrt hatten und durch die Spione der französischen Polizei aufgespürt wordenwaren, die Scheiterhaufen auflodern, welche zu Asche verbrannten, was der WeltherrscherKonterbande zu nennen die Laune hatte. Unsägliches Elend war die Folge: und dies war es,was endlich die Deutschen zur Bethätigung vaterländischen Sinnes zwingen sollte.