Rückläufige Strömungen. Freierer Geist im Südens Die Burschenschaft. 425
legten. Wo die Orden keinen Eingang gefunden, wurden die Landsmannschaften unmittelbar zuKorps. Alle diese Verbindungen pflegten das eigenartige akademische Wesen unter der geistlosenForm des Komments, der mit Vorschriften, die bis ins kleinliche gingen, das studentischeLeben, besonders das Trinken und Duellieren regelte. Sie tyrannisierten die keinem Korps an-gehörenden „Obskuren" oder „Kamele" nicht wenig, gleichwie sie alle Nichtstudenten als „Philister"gründlich verachteten und empfindlich neckten. Daß dieses Treiben den eigentlichen Zielen derstudierenden Jugend durchaus nicht entsprach, mußte nach dem Befreiungskriege, in welchem soviele Musenjünger geblutet hatten, in erhöhtem Maße einleuchten. Diese Ideen zeitigten dieGründung der deutschen Burschenschaft, zu deren erster Vereinigung im Jahre 1815 dreiKorps zusammentraten. Ihre Farben wurden die der Fahne des Lützowschen Freikorps ent-nommenen symbolischen (nicht altdeutschen): schwarz, rot und gold; zu ihrer Tracht wählten sieeine sogenannte altdeutsche, mit Barett, schwarzen: Rock und weißem Kragen. In den Grund-sätzen der Burschenschaftermischten sich seltsam dasfreisinnige, aber unprak-tische Streben nach deut-scher Einheit und Begei-sterung für alles Edlemit einseitiger Christlich-kcit und entschiedenemJudenhaß, während dieAbschaffung frivolen Pau-kens, zwecklosen Zechensund geistlosen Renom-mierens die Lichtseitender neuen Verbindungdarstellten. Rasch ent-standen Burschenschaften,auf allen deutschen Hoch-schulen. Die Korps nah-men ab; in Jena ver-schwanden sie völlig. Am18. Oktober 1817 jagtedas Wartburgfest derBurs ch en, namentlichdurch die Veranstaltungeines kecken, nicht von den Leitern ausgehenden, Autodefs reaktionärer Schriften von Halter,Kotzebue, Schmalz, Kamptz u. s. w., wobei auch ein Zopf, Korporalstock, Schnürleib u. dergl.mit verbrannt wurde, den Regierungen großen Schrecken ein. Im Jahr darauf wurde in Jenadie allgemeine deutsche Burschenschaft mit dem Ziele „christlich-deutscher Ausbildung einerjeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes" gegründet. Bom Stand-punkte der Regierungen war zu befürchten, daß diese Bewegung auch das in seinen Hoffnungenhinsichtlich der Folgen des Befreiungskrieges so bitter getäuschte Volk ergreifen möchte. Dennvon Jena gingen auch Zeitschriften aus, welche wie die „Nemesis" des Historikers Luden, die„Isis" des Naturforschers Okcn, der „Volkssreund" von Wielands Sohn u. a. ebenso frei-sinnige Ansichten vertraten wie am Rhein Arndts „Wächter" und Görres' „Rheinischer Merkur".Dieselben wandten sich nicht allein an die studierende Jugend, sondern an das Volk in seinerAllgemeinheit, verfielen dabei aber vielfach in einen plumpen Ton, und verrieten von tiefererpolitischer Einsicht sehr wenig Begriffe; oft sogar redeten sie dem engsten Partikularismus dasWort. Daß sich mit dieser oppositionellen Bewegung auch eine überspannte Deutschtümelei ver-band, und sowohl der alte Iahn, wie die Brüder Follon in Gießen glühenden Tyrannenhaßpredigten, ließ die Sache nur um so gefährlicher erscheinen. Engherzige Reaktionäre, wie der
Leipziger Studenten um 1820—1830-Faksimile eines gleichzeitigen anonymen Kupferstiches.