Sechstes Buch. IV. Befreiungskämpfe und Restauration.
Dagegen entfaltete sich in den südlichen Mittelstaaten unter den: Schutze der hier geschaffenenVerfassungen und Volksvertretungen ein freieres Leben. Zur Zeit der Niederwerfung der Fremd-herrschaft waren sie die Gegner aller deutschen Einheit gewesen; nach derselben wurden sie diePfleger von zunächst freilich noch sehr anspruchslosen Keimen der deutschen Freiheit. Wie dieBefreiungskämpfe in Theodor Körner und seinen Genossen ihre Mitstreiter und Sänger hatten,so erhielt diese Bewegung ihren Poeten in dem edelsten und größten, dabei auch volkstüm-lichsten Geiste, der seit Schillers Tod auf dem Gebiete der deutschen Dichtung erschienen war,in dem Schwaben Ludwig Uhland (1787—1862). Nur durch seine Vorliebe für die mittel-alterlichen Gestalten seiner reizvollen, tief in das Volk gedrungenen Balladen hing er mit derromantischen Schule zusammen; die Süßlichkeit, Gedankenleerheit und Mondscheinschwärmereiderselben geißelte er in kräftigen Klängen; in der „verlorenen Kirche" suchte er nicht das Papst-tum, sondern die alte Volkspoesie.So hielt sich Uhland nicht nur vonallen Verirrungen der Romantikerfrei, sondern er wurde der erstedeutsche Dichter, welcher den Poli-tischen Freisinn, soweit er mit derPoesie verträglich ist, vertritt. Nachder Restauration in Württembergstand er kräftig ein für das „altegute Recht", und zum 18. Oktober1816 sang er sein einschneidendesund begeisterndes Lied „Wenn heutein Geist herniederstiege", woriner die Fürsten freimütig an ihrgegebenes Wort erinnerte. Einenwackeren Nachfolger hatte er inseinem Landsmann und FreundeGustav Schwab (1792—1850).Uhland begründete eine Schule, dieschwäbische, welcher als Lyrikerauch Justinus Kerner (S. 429),Eduard Mörike und viele andereDichter angehörten.
Der süd- und mitteldeutscheKonstitutionalismus und der in ihmbereits lebende Keim des späterenLiberalismus erweckten, namentlichseit dem Regierungsantritte des Königs Wilhelm von Württemberg (1816), auf welchen man,in der Erinnerung an die unrühmliche Herrschaft seines Vaters, große Hoffnungen setzte, inNorddeutschland, weit weniger in Österreich, mächtige Sympathien. Sehr viel trug dieseStrömung zum Erstarken jener denkwürdigen Bewegung unter den deutschen Studierenden bei,welche in das düstere Grau der Restaurationsperiode einen Goldschimmer unvergeßlichen idealenZaubers geworfen hat. —
An Stelle der früheren Landsmannschaften, welche den Behörden gegenüber eifersüchtigdie Rechte ihrer Landsleutc zu wahren suchten, hatten sich um die Mitte des achtzehnten Jahr-hunderts Studentenordcn gebildet, welche nicht auf die Herkunft der Mitglieder sahen,sondern deren gleichartige Gesinnung zur Grundlage ihrer Vereinigungen machten. Sie be-nannten sich lateinisch nach Tugenden u. s. w. z. B. Amicistenordcn. Zu der Zeit, als dieGeheimbünde im Schwange waren, nahmen auch diese Orden den Charakter solcher an undgaben sich geheimnisvolle symbolische Formen. Aus ihnen entstanden aber, als jene Neigungwieder nachließ, die Korps, welche sich wiederum allgemein die Namen von Landschaften bei-
Studenten-Trachten um 1820—1830.Faksimile eines gleichzeitigen anonymen Kupferstiches.
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