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Zweiter Band.
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Sechstes Buch. IV. Befreiungskämpfe und Restauration.

Zeiten erneuert. Durch die Pracht des Gottesdienstes und durch die volkswirtschaftlich bedenk-liche, ohne gesundheitliche Kontrolle ausgeübte Speisung der Armen suchte man den alten Ein-fluß auf das Volk wieder zu gewinnen. Endlich bemühte man sich, die Anzahl der Novizenzu vermehren und sie zur äußersten Demut anzuhalten. So wurden ihnen Zettel zur Auswahlvorgelegt, mittels welcher sie um öffentliche Zurechtweisungen oder Züchtigungen bitten mußten.Auch durften sie nichts lesen als Legenden und Gebetbücher. Durch solche Übertreibungen sindviele Novizen zu vollkommenen Rationalisten erzogen worden. Es erschienen Bücher, z. B.1822 in Maiuz die von Lillbopp, welche die Annahme von Krankenheilungen durch Wunderverteidigten, die Wirklichkeit des Teufels, der Hölle und des Fegfeuers zu beweisen suchten undsogar den unkirchlichen Aberglauben, wie den tierischen Magnetismus und die Wünschelruten,in Schutz nahmen. Daß die Bekehrungen zur katholischen Kirche, teils aus Schwärmerei, teilsaus Berechnung, sich häuften, ward bereits angedeutet. Aber auch geborene Katholiken, diefreisinnig gewesen, kehrten zum klerikalen Standpunkte zurück. Das auffallendste Beispiel bot derfrühere Revolutionär (S. 388) Josef Görres (1775—1848), ein Koblenzer, welcher noch1814 für die Befreiung auch des linken Rheinufers von den Franzosen und fünf Jahre spätergegen die Demagogenhetzc gearbeitet hatte, der aber schon 1822 sich in den Dienst der Ultra-montanen begab und seit dem Jahre 1827, als er Professor in München wurde, die „christlicheMystik" zu seiner Domäne machte. Das Werk von fünf Bänden, welches seine Lehre enthielt,ist freilich erst in einer Zeit erschienen, die an solche Dinge nicht mehr glaubte (1836—1842);allein es zeigt, wohin selbst ein großer Geist durch die Einflüsse der Restaurationsperiode ge-langen konnte. Görres setzte in seinem Buche das Mystische geradezu als das Gott Betreffendedem Natürlichen sowohl wie der Wissenschaft entgegen. Der nach dieser Ansicht normale Zu-stand wäre mit Aufhebung aller Naturgesetze verbunden gewesen, während die Anerkennungderselben eine Abwendung vom Heiligen bedeutete. Alle Mystik leitete er vom Kreuze ab; erwiederholte Legenden und Heiligensagen, welche die Naturgesetze als gar nicht vorhanden er-scheinen lassen, kritiklos gleich verbürgten Thatsachen: so, daß ekelhaft Kranke oder VerwesendeWohlgerüche verbreitet hätten, daß von der Licbesglut des Herzens Rippen gebrochen seien,daß Heiligen fremde Sprachen und Wissenschaften plötzlich geoffenbart worden, daß Ekstatischedurch unsichtbare Macht gekreuzigt und mit dem Kreuz in die Luft erhoben worden seien. Auchden Teufel und die Hexerei verfocht der Verfasser in diesem Buche als wirklich vorhanden!Sogar Päpste und selbst die Kirche wurden darin getadelt, soweit sie der Mystik nicht hold waren.

Nicht wesentlich anders sah es im allgemeinen in der protestantischen Kirche aus. Seitder Restauration herrschte in Preußen die Orthodoxie fast unumschränkt. Die wissenschaftlicheTheologie der früheren Zeit war einer dogmatisch-hierarchischen Richtung gewichen. Der Könighuldigte ihr jedoch im großen und ganzen nicht; ihm war es um ein lebendiges Christen-tum zu thun. Um die alten konfessionellen Streitigkeiten für immer zu beseitigen und denProtestantismus wahrhaft zu stärken, rief er seit 1817 die „evangelische Union" des lutherischenund reformierten Bekenntnisses ins Leben, welche in mehreren deutschen Staaten Anerkennungfand und im ganzen eher der freisinnigen Richtung als der „Rechtgläubigkeit" förderlich war.

Während indessen die Orthodoxie ein ruhiges Dasein führte, rührte sich Aufsehen erregendder Pietismus. Merkwürdigerweise war sein größter Adept in der Restaurationszeit ein An-gehöriger der griechisch-katholischen Kirche, der russische Kaiser Alexander I., eine schwär-merische Natur, welche sich von den Empfindungen des Augenblicks hinreißen ließ. MystischeEinflüsse brachten ihn auf die phantastische Idee der „heiligen Allianz", welcher allmählichganz Europa mit Ausnahme des Papstes und des Sultans beitrat. Diese Einwirkungen lei-teten sich zu einem Teile von Philosophen der Schellingschen Schule her, welche die trans-cendentalen Lehren derselben entweder gemütvoll wie Gotthilf Heinrich von Schubert, oder mitmagischen Verirrungen durchsetzt wie August Eschenmayer, oder theosophisch nach JakobBöhms (S. 270 f.) Vorbild, wie Franz Baader, auszubauen versuchten. Baader war zwarKatholik, aber ein Gegner des Papsttums, dessen Rom er „ein mit Christentum übertünchtesHeidentum" nannte. Noch mehr aber als diese Männer wirkten Frauen bei dem für sie un-gemein empfänglichen Zaren zu Gunsten seines Planes, den Drachen der Revolution durch eine