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Zweiter Band.
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432 Sechstes Buch. V. Volksleben der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

verfallene Burg, jeden aussichtsvollen Berggipfel erkletterten, sangesfreudig und sangesfrohwie nie mehr seit den Tagen der Minnesänger. Mit der Guitarre über der Schulter wanderteBinzer, der Stolz der Jenenser Burschenschaft, glückselig durch ganz Deutschland, und in allenDörfern strömte das junge Volk zusammen, um seinem Spiel und Sang zu lauschen. Allent-halben entfalteten sich die Liederkränze zu reicher Blüte, um ein unentbehrlicher Schmuck fürjedes deutsche Haus zu werden."

„Am Rhein, unter dem frohen Frankcnstamme, lebten die alten, von den Franzosen ab-geschafften Kirmessen und Schützenfeste wieder auf. Bei den: Kölner Karneval, der sich unternapoleonischer Herrschaft schüchtern in die Häuser zurückgezogen hatte, erklangen die fröhlichenRufe „Alaaf Köln!" von neuem auf der Straße und kündeten in glänzenden Maskenzügen mitjedem Jahre den zahllosen Fremden, die herbeizogen, deutlicher den wiederkehrenden Reichtumund das Behagen der neu aufblühenden rheinischen Hauptstadt."

„ Auch die Naturschönheiten der Schweiz kamen in weiteren Kreisen zur Geltung. ImAnfang unseres Jahrhunderts begannen die Berner ihr herrliches Oberland fleißiger und längerzu besuchen. Jnterlaken leitete seine spätere Weltberühmtheit mit der Errichtung einer kleinenMolkenkuranstalt ein, welche sich von Jähr zu Jahr vergrößerte. Auf Veranstaltung des Rats-herrn Nikolaus Friedrich von Mülinen wurden 1805 und 1808 bei der nahen BurgruineUnspunnen große Älplerfeste mit nationalen Leibesübungen, Gesang und Alphornblasen gefeiert.Seitdem kam das Hotelwcsen im Oberlande empor. Des Landes Königin, die Jungfrau, wurdezuerst 1811 und 1812 erstiegen; 1831 wurde der Gasthof auf dein Faulhorn eröffnet. Zuden Naturreizen trat aber bei der um den Vierwaldstättersee gelegenen Urschweiz, nicht zumwenigsten durch Schillers „Tell" genährt, noch die Erinnerung an die glorreiche Entstehungder ersten Schweizerbünde hinzu. Schon im Jahre 1756 war die Wirtschaft beim Kaltbadauf der (nicht „dem") Rigi entstanden, und 1816 trug ihr Gipfel, der Kulm, den ersten nochbescheidenen seiner Gasthöse, ebenso der Staffel und die Scheideck. Die Alpenstraße über denSimplon wurde (1800—1806) unter Napoleon I., die über den Splügen und Bernhardin mitösterreichischer und sardinischer Hilfe in den Jahren 1818—1822, die über den Gotthard durchschweizerische Kräfte in dem Jahrzehnt nach 1820 gebaut. In den Städten der Schweiz bahnteerst seit 1830 die Entfernung der Mauern und Thore dem Verkehre freiere Wege.

Die Straßen befanden sich im Beginne unseres Jahrhunderts noch großenteils in einemelenden Zustande. In Gebirgsgegenden schien man eifrig bestrebt, sie wo möglich überall bergaufund bergab, über Höhen und Thäler zu führen. Während der Zeit der napoleonischen Fremd-herrschaft wurden wenigstens die großen Heerstraßen, die daher noch jetzt den französischen Namen„Obaussös" führen, eben und gerade gebaut, einförmig mit Pappeln bepflanzt und mit Meilen-steinen versehen. Seitdem schon nahm das früher vorherrschende Reisen zu Pferde ab. Eineallgemeinere Verbesserung der Straßen vollzog sich in verschiedenen Gegenden merkwürdigerweiseerst wenige Jahre vor Einführung der Eisenbahnen, gegen welche anfangs das Volk durchwegeine ebenso große Abneigung bewies wie gegen Fabriken und Maschinen. Wie wurde es all-seitig beklagt, als an die Stelle des romantischen, wenn auch oft mißtönenden Horns derschmucken Postillone die schnaubende und pfeifende Lokomotive trat! Als statt des gemütlichenBeisammenseins der Postreisenden die fremd thuende Eisenbahngesellschaft durch weite Streckenfuhr, ohne sich umeinander zu bekümmern! Alles ist seitdem schnelllebender, gleichgültiger, kälterund egoistischer geworden. Die Fortschritte des Weltverkehrs sind ja staunenswert; aber dasVolksleben richten sie zu Grunde.

Die Volkstrachten, welche jetzt leider im Verschwinden begriffen sind, prangten in derersten Zeit unseres Jahrhunderts noch in ausgedehntem Maße. In den Landen am Unterlaufder Elbe konnten Fremde „mit Verwunderung die Pracht und den Schimmer in der Trachtder Frauen und Jungfrauen", die sich beim Kirchenbesuche entfaltete, erblicken. Selbst dieMänner „hatten ihre althergebrachte Weise noch nicht völlig abgelegt. Überall zeigte sich eineVorliebe für lebhaftere Farben, die sich erst nach und nach in dunklere wandelten". Auch aufden friesischen Inseln waren die Volkstrachten damals noch in vollem Gebrauche. Seitdem findetman von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer seltener eigentliche Volkstrachten; die wesentlichsten der