Jahrmärkte. Tabagien.
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„Neben die Kinderspiele treten einige der alten in abgeschwächter Form auf unsere Tagegekommenen Volksspiele zu Roß. Aus einer Zeit stammend, wo der freie Bauer noch gleichdem Ritter zu Pferde kämpfte und ritterlicher Übungen und Rennspiele bedurfte wie der Adel,zeigen sie dasselbe Gepräge, welches den höfischen Spielen der späteren Zeit eigen ist. Wennauch meist schon zu bloßen Belustigungen des Gesindes herabgesunken, finden sich doch alle altenÜbungen desselben, das Ringrennen, das Pfahl- und Kopfrennen, noch in unserem nord-deutschen Bauernstände wieder." Dabei spielt auch der „Roland" (l. S. 204f.), in einerverkleinerten Nachbildung als Zielpunkt des „Ringreitens" (S. 203), eine Rolle.
In den Städten und ihrer Nachbarschaft sind die alten Volkssitten und Volksspiele immermehr in Vergessenheit geraten. Ihre Stelle nahmen meist die Jahrmärkte ein, welche sichleider, gleich manchen dem Münchener Oktoberfeste ähnlichen Veranstaltungen, mehr durch vielLärm, arges Gedränge und mitunter auch durch grobe Exzesse, als durch heiteres Vergnügenauszeichnen und kaum den Namen von Volksfesten verdienen. Dagegen haben hübsche Jugend-feste vielfach Platz gegriffen, in denen pädagogisch wohldurchdachte Spiele die urwüchsige aus-gelassene Jugendlust in geordneter und beaufsichtigter Weise ersetzen.
Unter dem Namen „Tabagien" bestanden in den zwanziger und dreißiger Jahren unseresJahrhunderts Gastwirtschaften, die (von Aug. Schmidt in der Zeitschrift „Der Bär") in folgen-der Weise geschildert werden: „Die Tabagien, von welchen es in und um Berlin eine überausgroße Menge gab, teilten sich in Bürgertabagien und Bolkstabagien. In den Bürgertabagienwaren rauschende Vergnügungen nicht zu finden. Täglich versammelten sich daselbst zu abend-licher Stunde ältere Bürger und Beamte nach des Tages Arbeit gesellig am Stammtische,um bei einem Glase wohlschmeckenden Bieres und einer dampfenden Pfeife Tabak sich überalles Merkwürdige und Wissenswerte zu unterhalten. Aus diesen Kreisen war alles über-sprudelnde Wesen verbannt, bedächtiger Sinn und ehrbare Beschäftigung waltete vor. Man lasdie Tagesblätter und schwatzte über Politik. Der beleibte Wirt mischte sich vertraulich in dasGespräch seiner Stammgäste, und der leise hinschlüpfende Kellner in einem aus dem Trödler-laden erhandelten Frack setzte mit dem Fidibus den frisch gestopften Pfeifenkopf eines Rauchersin Brand oder brachte den Gästen die bestellten Getränke herbei. Auch wurde zur Unterhaltungdas Kartenspiel gepflegt. Namentlich zur winterlichen Jahreszeit fanden sich in dem wohl-geheizten Gastzimmer kleine Spielgesellschaften zusammen, deren Mitgliedern, welche sich gegen-seitig genau kannten, schnöde Gewinnsucht bei dem Spiele fern lag. Bei dürftigem Lampen-fchimmer um kleine Tische- gruppiert, spielte man gewöhnlich Whist, Solo, Boston, seltenerl'Hombre. Die Eintönigkeit dieser Abendunterhaltungen wurde zuweilen durch Pickenicks odergemeinsame Abendessen unterbrochen, welche jedoch nur bei festlichen Veranlassungen stattfandenund einen bescheidenen Aufwand erheischten. Zur Sommerzeit aber wurden die Gartentabagienvor den Thoren der Stadt bevorzugt. Hier trat an die Stelle des Kartenspiels im Tabaks-dampfe des Kneipzimmers die geräuschvollere Übung des Kegelspiels auf luftigen Kegelbahnen,welche sich zumeist an der Langseite des Gartens hindehnten. Mit abgezogenen Röcken, inHemdärmeln standen die behäbigen Spieler in der Bahnlaube und schleuderten im Schwüngedie schweren Holzkugeln von sich, welche auf dem Laufbrett der Bahn hastig fortrollend inden Kegeln unter lautem Geprassel ihre Verheerungen anrichteten, worauf der Ruf des Kegel-jungen das Ergebnis des Wurfes verkündigte. Zumeist um die zehnte Stunde machte mansich auf den Heimweg. In den Bolkstabagien ging es ungleich lebhafter zu. Ihre buntgemischte Gesellschaft gehörte den untersten Volksschichten an. Gesellen und Handwerksburschenin-Sonntagsröcken und Werktagsanzügen, Possenreißend und trinkend, wettergebräunte Fuhr-leute, die kurze Pfeife im Munde, Schiffer, in hohen Juchtenstiefeln, sog. „Eckensteher" mitkupferroten Nasen, Hausdiener, Fabrikarbeiter und Fabrikarbeiterinnen, Nähmädchen, Hand-arbeiterinnen aller Art, Apfelsinenverkäuferinnen und Dirnen von nicht zweifelhaftem Rufebewegten sich daselbst unbeengt durcheinander. An Sonn- und Festtagen, wenn die TanzmusikPolizeilich nicht verboten war, gesellten sich auch dralle Dienstmädchen im Sonntagsputze hinzu,die sich mit schmucken Soldaten der Garnison dem Tanzvergnügen Hingaben. Weder im Sommernoch im Winter fehlte es an allerlei Vergnügungen und Festveranstaltungen, welche die