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Zweiter Band.
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438 Sechstes Buch. V. Volksleben ver ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

verschiedenartigsten Namen führten, und bei deneü Essen und Trinken die Hauptrolle spielte.So gab es Ernte-, Wein-, Kirschen- und Nosenfeste, Pickenicks aller Art, das „Entengreifen",den „Hahnenschlag" sowie den „Wurst"- und „Pfannkuchentanz". Auch große Abendessen mitHarmonie- oder Schlachtmusik, chinesische oder indianische Feuerwerke, groteske Tänze und Kegel-quadrillen wurden veranstaltet. Ferner erfreute man sich namentlich zur Winterszeit an denmimischen Darstellungen der Marionettentheater, deren burleske Späße ungezügelte Heiterkeithervorriefen, wie auch an Maskenbällen und Mummereien, welche nicht selten bis zum An-bruche des Tages dauerten. Bei diesen Lustbarkeiten gebrach es nicht an Zank und Raufereien,wenn die vom Branntwein erhitzten Köpfe aneinander gerieten, und oft machte eine allgemeinePrügelscene den Kehraus, bis die herbeigerufene Polizei die hartnäckigsten Kampfhähne festnahmund die Räumung des Lokales anordnete. Das Branntweintrinken war damals noch weit häu-figer und verbreiteter als jetzt; nicht mit Unrecht wurde geklagt, daß in allen Straßen vonBerlin überaus zahlreiche Schenken zu finden seien, in welchen der Branntwein verabreicht wurde-der für viele bei der Höhe der Bierpreise das allein erschwingliche Anregungsmittel verblieb."

Zu den unvertilgbarsten Resten älterer Kulturzustände im Leben des Volkes gehört derAberglaube, der Inbegriff von Überbleibseln heidnischen Fühlens und Denkens. Das Christen-tum konnte ihm nicht nur nichts anhaben; es sah sich sogar vielfach genöthigt, sich mit ihm zuvermengen, indem es seine heiligsten Namen, die der Dreieinigkeit, und seine Heiligen an Stelleabgedankter Götter und Göttinnen in Segens- und Zaubersprüche eingereiht sehen mußte. DieSegnungen und ihr Gegensatz, die Verwünschungen, bilden noch heute einen Hauptteil des Aber-glaubens. Man erwartet von ihnen Fruchtbarkeit, Bannung böser Geister, Erweckung vonLiebe, Auffindung von Schätzen, Löschen des Feuers, Änderung des Wetters, Entdeckung vonDieben: oder unter Umständen auch das Gegenteil. Weiter gehören zum Volksaberglaubendie höchst mannigfach angenommenen Vorbedeutungen in allen möglichen Lebensmomenten, welcheaus den Erscheinungen der Gestirne, dem Verhalten der Tiere, den Vorfällen bei Taufen,Hochzeiten und Bestattungen, den Träumen und den verschiedenen Monats- und Wochentagengefolgert werden. Ferner tritt hinzu der Glaube an das Spuken, an das Erscheinen Verstor-bener oder der Schattenbilder noch Lebender (Doppelgänger) und an die Verkündung von Todes-fällen durch allerlei Vorkommnisse. Endlich wird noch immer an das Dasein und die Ein-wirkung dämonischer Wesen geglaubt, unter denen jedoch die ehemals beliebten Zwerge undNixen meist durch die teuflischen Mächte der Hölle ersetzt sind. Der Glaube, daß an gewissenTagen unternommene Reisen und andere Veranstaltungen mit Unglück verbunden seien, daß ausdem Beisammensein von dreizehn Personen Unheil entspringe und andere Wahnvorstellungenscheinen ebenso unvertilgbar zu sein wie der in die zweite Hälfte des Jahrhunderts fallendeSpiritismus.

Auch der alte Aberglaube an Zauberer und Zauberinnen ist keineswegs mit den Hexen-prozessen ganz dahin geschwunden. Heute noch traut ein großer Teil des Volkes sogenanntenHexen, sowie den Schäfern, Schmieden, Jägern, Scharfrichtern, Hebammen, Kapuzinern,Jesuiten, Freimaurern, Juden, ja sogar Landstreichern, Seiltänzern und Zigeunern bald gute,bald schlimme Zauberkräfte zu. Außerdem giebt es Traumdeuter und Kartenlegen, die sogar inden Städten von den höchsten Klassen der Bevölkerung, und besonders von den Frauen, züRate gezogen werden. Auf den Dörfern Hausen „kluge" oder „weise" Leute, denen die Bauernden Kampf gegen Hexen, den Schutz gegen Feuer, Wasser, Ungeziefer, Feinde und Diebe sowiedie Heilung von Menschen- und Viehkrankheiten anvertrauen und denen sie mehr glauben alsGeistlichen und Ärzten, ob nun ihr Treiben gelinge oder nicht. Diese Leute unterrichten auchin ihrer „Kunst", und zwar Weiber die Schüler und Männer die Schülerinnen; Dank dafürist unstatthaft. Das Abstoßendste an den Volkszauberern ist ihre angebliche Macht, Feindeihrer Kunden tot zu beten oder zu singen. —

Viele seiner Angehörigen hat das deutsche Volk durch Auswanderung verloren. Sehenwir von den im Jahre 1776 in Spanien und später in Rußland und Kaukasien gegründetenAnsiedelungen ab, so zogen die Auswanderer fast nur nach Amerika. Wenn auch kein Staatdes ehemaligen spanischen Amerika ohne deutsche Einwanderer geblieben ist, die auch in,dem