446 Sechstes Buch. VI. Kunst und Dichtung der neuesten Zeit.
wurde. Zehn Jahre später gelangte auch der Dom von Ulm zur Vollendung. Das Münstervon Bern geht seinem Ausbau entgegen.
Auch in unserer Zeit Pflegt sich der Baukunst die Gartenkunst (S. 369) anzuschließen,die durch den Fürsten Heinrich Hermann Pückler (1785—1871) in dessen großartigen Park-anlagen zu Muskau in der Oberlausitz neue Anregungen erhielt. Als Schüler von ihm wirkteAdolf Petzold (geb. 1815) weiter, der in einem Buche wie in seinen vielen Anlagen dieNatur selbst als die Lehrerin der Landschaftsgärtnerei hinstellte. —
Wie in der Malerei, so ist auch in der Musik während des Zeitraums der Romantik undder Restauration ein Übergang von romantischer Befangenheit zu einer freieren, mehr selb-ständigen künstlerischen Gestaltungskraft wahrzunehmen. Auch im Reiche der Töne war dieRomantik, d. h. eine Anlehnung an das Mittelalter erwacht, welche naturgemäß der Klassik, diesich auf das Altertum gestützt hatte, folgte, und dies um so mehr, als schon in letzterer einigeromantische Anklänge zu spüren waren. Wie Goethe in: „Faust" und „Wilhelm Meister" undSchiller in seinen Balladen und Frauendramen, so hatten Mozart im „Don Juan" undBeethoven im „Fidelio" dem romantischen Gedanken ihren Tribut bezahlt, ohne jedoch derForm und dem Geiste der Klassizität untreu zu werden. Und wie in der Dichtkunst, so wurdendiese romantischen Stimmungen auch in der Musik von den zahlreichen, jenen Heroen folgendenEpigonen zur Alleinherrschaft erhoben. In der Tonkunst indessen war eine politisch-religiöseTendenz von vornherein ausgeschlossen, weil ihr das Wort fehlt; in ihr mußte sich die Romantikauf das Gemütvolle, das Herzergreifende beschränken. Ein weiterer Vorzug der musikalischenvor den poetischen Romantikern ist ihre Volkstümlichkeit, die unter den Dichtern dach nur dieFreiheitsänger besaßen, welche nicht einmal völlige Romantiker waren, weil die Vaterlandsliebenicht eben romantisch ist. Die Volksoper und das Volkslied bilden die liebenswürdige Domäneder romantischen Tonkünstler. Karl Maria von Weber (1786—1826), ein VerwandterMozarts, schuf im Jahre 1819 sein Meisterwerk, den „Freischütz", welchem „Preciosa",„Euryanthe" und „Oberem", sein Schwanengesang, folgten. Marschner und Kreutzer stehenan der Spitze seiner Schule. Franz Schubert (1797—1828), ein Wiener Kind und an derQuelle der musikalischen Klassik auferzogcn, war überaus fruchtbar, wurde namentlich aber alsLiederkomponist berühmt; auch Goethes Haideröschen, Erlkönig, König von Thule, GretchensLied übertrug er in die Sprache der Töne. Allzufrüh sank er in die Nacht des Grabes.„Schuberts Lieder aber, diese Juwelen reinsten Wassers im Diadem der Muse der deutschenTonkunst, werden, solange deutsche Freude am Walten der Natur, deutsches Gemüt und deutschesLieben, Sehnen, Leiden, Trauern und Hoffen nicht aussterben, unvergänglich unter uns fort-leben und Sänger und Hörer mit dem reinen Himmelsodem anwehen, dessen wir in der Kunstebenso sehr bedürfen wie im Leben."
Eine mehr moderne Gruppe romantischer Tonkünstler eröffnen Ludwig Spohr (1784bis 1859), der, fruchtbar und vielseitig als Komponist, namentlich als Violinist von großerBedeutung geworden ist, und Jakob Beer, genannt Giacomo Meyerbeer (1791-^1864):jener ein echter Deutscher, dieser ein Weltbürger, mit welchem die Juden das Reich der Ton-kunst betraten. In beiden Meistern hat die Romantik ihren ursprünglichen Charakter abgelegt,ist die Musik in das freigeistige und fortschrittliche Wesen der neuesten Zeit eingetreten. DurchMeyerbeer, der fast ausschließlich Opernkomponist, aber auch ein vorzüglicher Klavierspielerwar, geschah noch mehr: durch seinen „Robert der Teufel" und seine „Hugenotten" hat er diedeutsche Musik dem Verständnis der Franzosen angepaßt; durch den „Propheten", den „Nord-stern" und die „Afrikanerin" aber hat er die Tonkunst geradezu international gestaltet. Zu denKünstlern, auf welche er Einfluß ausgeübt, gehören nicht nur Deutsche, wie Lachner, Lortzing,Flotow, sondern auch die Franzosen Halevy und Gounod, die Italiener Donizetti und Verdi.
Immer mehr wich nun der romantische Geist vor dem kosmopolitischen und modernenund nicht weniger vor der wissenschaftlichen Musik, deren erste Vertreter Mendelssohn undSchumann sind, durch welche Leipzig mit seinem Konservatorium und seinen Gewandhaus-konzerten zur Mutterstadt der deutschen Tonkunst geworden ist. Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809—1847), ein Enkel von Moses Mendelssohn, hatte als Konzertmeister