Einfluß der deutschen Romantik auf das Ausland. Borne und Heine. 449
Frankreich und England, der italische Süden und der skandinavische Norden, mittelbar auchder slawische Osten sind ihre Provinzen geworden; und dort zwar wurden nicht die klassischenDichter, wie in Deutschland, sondern die romantischen die volkstümlichsten und auch dauerndbeliebtesten.
Während so die Völker, welche von uns die Romantik entlehnten, in den Bahnen derselbenentweder verharrten, oder nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen wußten, verstand es derdeutsche Genius, neue Pfade aufzufinden, die, wenn sie auch an die Höhen der klassischen Blüte-zeit nicht hinanragten, doch die Leistungen der Romantik weit überragten und damit von derVielseitigkeit deutschen Wesens ein glänzendes Zeugnis ablegten.
Als die romantische Schule unterging, traten neue „Stürmer und Dränger" in die Arena.Dieselben trennten sich von denen des vorigen Jahrhunderts indessen dadurch, daß sie das Vor-bild der klassischen Blütezeit vor Augen hatten und durch die politischen Ereignisse, sowie durchdie religiösen Bewegungen der Zeit beeinflußt waren. Dieses Übermaß von Einwirkungenbrachte in ihnen den für die neueste Zeit charakteristischen Zug des „Weltschmerzes" zur Er-scheinung und entwickelte denselben teilweise bis zur Blasiertheit. Diese neueren Dichter warenalso, obschon nicht so benannt, neue Romantiker, welche mit den älteren die Verachtungdes klassischen Regelzwanges teilten und sich von ihnen im Grunde nur dadurch unterschieden,daß sie nicht wie jene in die Vergangenheit zurück, sondern in die Zukunft voraus blickten.Sie strebten beinahe ohne Ausnahme nach politischer und religiöser Freiheit; teilweise gingensie noch weiter und nahmen die soziale Reform oder gar auf Beseitigung der Schranken unsererheiligsten Sitten und Einrichtungen abzielende Tendenzen in ihr Programm auf. In unmerk-lichen Übergängen folgten ihnen andere Schriftsteller, in deren Werken jene Tendenzen mehrzurücktraten oder auch gänzlich verschwanden. Soviel Schönes aber die Dichtung des letztenhalben Jahrhunderts auch hervorgebracht, — sie blieb doch nur eine Erscheinung, die mehrAnsprüche machte, als sie erfüllen konnte und die Heroen unserer Litteratur, obschon sie mitder Zeit dem klassischen Ideal derselben oft nahe kam, doch nicht von fern erreicht hat.
In ihren Anfängen wurde die neue Schule von zwei getauften Juden getragen: dem KritikerLudwig Börne aus Frankfurt a. M. (ursprünglich Löb Baruch, 1786—1837) und demromantischen Dichter Heinrich Heine (1799—1856) aus Düsseldorf. Die Zustände im drittenJahrzehnt des Jahrhunderts, welche für die Juden doppelt drückend waren, haben beide zumformellen Christentum und zur oppositionellen Schriftstellcrei getrieben; der Vorantritt Frank-reichs in der Erhebung gegen die RestaurationsPolitik hat beiden ihren gallophilen, sehr un-deutschen Stempel aufgedrückt; beide auch haben ihr Leben in Paris beschlossen.
Börne begann schon im Jahre 1818, gleich nach seiner Taufe, als Tagesschriftsteller zuwirken. Nach der Julirevolution trieben ihn anhaltende Verfolgungen nach Paris. SeineBriefe aus dieser Stadt bilden sein sechs Bände umfassendes Hauptwerk und wurden der eigent-liche Anstoß zu der litterarischen Bewegung, die sich bald darauf in Deutschland auf politischem,religiösem, sozialem und ästhetischem Gebiete gegen die herrschenden Zustände erhob. Börneverurteilte dieselben mit einem so großen Aufwande von Geist, wie er damals selten zu Tagetrat: aber auch mit so viel Spott, Schmähung und Erbitterung, daß sich patriotische Deutschedarüber empört fühlen mußten, während seine Anhänger in seinem Verhalten nur den Ausdruckheißer Liebe zum Vaterlands erblickten, dessen Lage zu verbessern sein nationaler Zweck dabeiwäre. Diese verschiedene Auffassung fand besonders in Börnes Fehde mit dem gefürchtetenKritiker Wolfgang Menzel (1798—1873) einen Ausdruck, dessen deutschtümelnder, wenig auf-geklärter Patriotismus sich mit der Zeit in die Dienste der Reaktion begab. Sonderbarerweisegingen beide Gegner in einer maßlosen, aber freilich auch vergeblichen Herabsetzung Goetheszusammen. Börnes Briefe haben indessen nur im Bereiche der Litteratur nachhaltig gewirkt;die öffentlichen Zustände haben sie nicht beeinflußt.
Heinrich Heine, dieser Mephistopheles der neueren deutschen Litteratur, ist ein eigen-artiges Gemisch von tiefem Dichtergeiste und von Frivolität. Der letzte Romantiker, der dievon jener Schule geübte Ironie, welche aber nirgends in ihr eine feste Gestalt angenommenhatte, zum eigentlichen Lebensnerv seiner Dichtung machte, dieser Zerstörer der Romantik von
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