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Zweiter Band.
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Sechstes Buch. VI. Kunst und Dichtung der neuesten Zeit.

innen, wie Platen von außen, dieser Hauptvertreter der fortschrittlichen und weltschmerzlichenRichtung in der poetischen Republik war auch der erste, aber nicht mit sittlichem Ernst, son-dern mit Spott und Hohn erfüllte Pessimist im Dichterchorc. Heines Leben läßt sich in dreiPerioden einteilen: in die bis 1830 reichende des deutschen Dichters, die des deutsch-franzö-sischen Publizisten, bis 1840, und in die des französierenden Dichters, welche mit dem traurigenEnde feines lebendigen Verwesens schloß. Von diesen Perioden ist die mittelste, in welcher erdem „Bürgerkönig" als Spion diente und Deutschland nicht mit dem Zorn des Patrioten, wieBorne, sondern mit dem Geifer eines ungezogenen Buben beschimpfte, bezeichnenderweise auchohne jede Poesie. Heines erste dichterische Phase ist noch die erfreulichste seines Lebens, wenn-gleich auch schon in ihr die Dämonen des Entsetzens und der Selbstverhöhnung spuken. Der-selbe Dichter, der so wunderbar singen konnte: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", „Duhast Diamanten und Perlen", „Du bist wie eine Blume", der die kindlich fromme „Wallfahrtnach Kevlar" dichten konnte, bewarf die höchsten Ideale der Menschheit mit ekelhaftem Schmutz!Die trivialen Schlüsse sentimentaler Anfänge sind besonders charakteristisch für einen Dichter,welcher der Romantik mit der Schellenkappe des Schalksnarren zu Grabe läutete. Heinesdramatische Stücke, „Ratcliff" und „Almansor" zeigen, daß in ihm ein deutscher Byron zueinem zweiten Grabbe hinabgesunken ist. Welcher Abstand zwischen seiner deutschen und seinerfranzösischen Dichterzeit! In dieser grinst uns Seine-Babel mit seinem Materialismus undNaturalismus aus jeder Zeile entgegen, und es ist tieftraurig, daß der Dichter der „Lorelei"als Verherrlichen der Demimonde enden konnte.

Von Börne und Heine wurden zunächst, etwa seit 1830, die fünf Dichter beeinflußt, welcheman als das „junge Deutschland" zusammenzufassen Pflegt. Obschon nicht mit dem gleich-namigen, in der Schweiz konspirierenden politischen Vereine, einer Gruppe des „jungen Europa",zusammenhängend, wurden diese mehr kritiklustigen und blasierten, als gefährlichen Schriftsteller,infolge der Angebereien Mcnzels, von den Regierungen noch ärger gefürchtet und verfolgt alsihre politischen Namensvettern. Und doch bildeten sie unter sich keinen Verein, sie ähneltensich nur in der Tendenz ihrer Schriften, die jedoch nach den dreißiger Jahren weit auseinanderging. Nur zwei von ihnen sind von Bedeutung. Heinrich Laube (1806—1884), der seitder Mitte des Jahrhunderts in der Wiener Theaterleitung wirkte, entwickelte als Roman-schriftsteller und Litteraturhistoriker ein reges Schaffen in bedeutenden gedankenvollen Werken;er hat sich namentlich aber als Dramatiker durch „Graf Essex" und „die Karlsschüler" aus-gezeichnet. Der einzige in der Gruppe, der die herrschenden Zustände in einer Weise angriff,welche sie überdauerte und dem überdies ein echter Dichtergeist innewohnte, war Karl Gutzkow(1811—1878). In seiner „Wally" vertrat er den Kultus der Sinnlichkeit, während er in„Maha Guru, Geschichte eines Gottes", am Beispiele des Dalai Lama die Orthodoxie zurZielscheibe der Pfeile ätzenden Witzes machte. Unter seinen dramatischen Werken stehen dasTrauerspiel „Uriel Acosta", sowie die historischen Lustspiele „Zopf und Schwert" und „DerKönigslieutenant" obenan. Weit mehr Erfolg hatte er mit seinen Zeitromanen, von denen„Die Ritter vom Geiste" den Kampf zwischen Autorität und Revolution, „Der Zauberer vonRom" den alten Zwiespalt zwischen Staat und Kirche schildert. Gutzkows spätere Romanehaben den Eindruck, welchen die früheren machten, nicht mehr erreicht.

Der Kampf dieses „jungen Deutschland" gegen den Glaubenszwang war rein negativ;dem Niederreißen stand kein Aufbauen gegenüber. Neuere Dichter, welche nicht zu jenerSchule gehören, haben diesen Mangel gefühlt und ihm abzuhelfen gesucht, indem sie, Goethes„Faust" nacheifernd, die tiefsten Probleme und schwierigsten Fragen der Religionsphilosophiezum Gegenstände bedeutender Dichtungen wählten. Der positiven Religion am nächsten steht unterihnen Julius Mosen (1803—1867), der Verfasser von zwei groß angelegten epischen Dichtungen:„Ritter Wahn" und „Ahasver". Das erstere Werk ist utopisch, ohne Zeit- und Ortsfärbung;es verknüpft das Jenseits mit dem Diesseits in der Schilderung des Ringens nach Unsterb-lichkeit. Das zweite, unvollendet gebliebene Gedicht sollte im Gegensatze zu jenem die ganzenachchristliche Geschichte umfassen; es versinnbildlicht in großartiger Sprache die Sehnsucht nachdem Tode. Volkstümlicher als seine Dramen ist Mosens Romanze „Andreas Hofer" geworden.