Litteratur und Theater. 453
humorvollen Sprache seiner leichtfließenden Verse Gestalten deutscher Sage neu belebte. DieStoffe unseres modernen Epos sind vorwiegend nationale.
Die Lyrik unserer Zeit dagegen hat sich mehrfach in ein fremdes Gewand gekleidet; ihrvor allen anderen berühmtes Erzeugnis, die „Lieder des Mirza-Schaffy" von Friedrich Boden-stedt (1819—1892) wurzeln ganz und gar im orientalischen Leben. Indes ist aus demüppigen Blütenreichtum, den die deutsche Lyrik in der zweiten Hälfte unseres Jahrhundertsentfaltet hat, auch genug von vaterländischem Geiste erfüllte Poesie zu einem unvergänglichenSchatze nationaler Dichtung herangereift. —
Die Zahl der Schriftsteller ist ungeheuer angewachsen. Neben bedeutenden Naturen vonhervorragender künstlerischer Schaffenskraft, die mit reiner Hingebung die edelsten Ziele selbstlosverfolgen und die Litteratur weiterführen in der Pflege des Guten, Wahren und Schönen,zur Hebung aller sittlichen Kräfte der Menschheit, handhaben viele die Feder nicht aus inneremBeruf, ohne eigentliche Begabung und ohne gehörige Durchbildung. Viele schriftstellern alsDilettanten. Wieder andere und allzuviele nur, ergreifen, nachdem sie in anderer Thätigkeitgescheitert, die schriftstellerische, das Wesen derselben gänzlich verkennend, im Dienste einesmühsamen und kargen Erwerbes wertlose Arbeiten liefernd, die, wenn ihnen der Zufall zumDruck verhilft, nur Schaden anrichten.
Die verschiedenen politischen Veränderungen unseres Jahrhunderts brachten das Theater inimmer größere Abhängigkeit von den jeweilen herrschenden reaktionären Grundsätzen und damitin einen zunehmenden Verfall. Die Bühnenleitung wurde aus einer Kunst eine bnchführendeVerwaltung, ein Geldgeschäft. Die Poesie der Stücke trat vor dem Effekt zurück; blendendeDekorationen und glänzende Kostüme wurden die Hauptsache. Der dichterischen Bühnenknnstim heiteren Gewände machte die nur auf triviale Unterhaltung berechnete Posse in bedenk-licher Weise den Rang streitig. Schiller, Goethe und Lessing wichen einem geistlosen Dramen-fabrikanten wie Raupach und einer nicht ungeschickten Komödicnfabrikantin und Roman-verarbeiterin wie Charlotte Birch-Pfeiffer. Weiter traten, besonders seit 1830, die Auf-führungen französischer Stücke so sehr in den Vordergrund, daß sie die deutschen geradezu zuerdrücken drohten. Anderseits wetteiferten, besonders in Wien, die Zauberspiele Raymunds mitden niedrigen Lmnpazi-Vagabundenpossen Nestroys in lärmenden Erfolgen, bis sie wiederumdurch die nicht höher stehenden, nur sarkastischeren Berliner Possen, wie „HunderttausendThaler" und durch neuere Zauberpossen, wie „Fünfmalhunderttausend Teufel" abgelöst wurden.Im Jahre 1848 schien sich eine Wendung zum besseren vorzubereiten, nämlich eine Rückkehrzu den deutschen Klassikern und zu Shakespeare; selbst Sophokles und sogar des JndiersKalidasa „Sakuntala" betraten jetzt die deutsche Bühne. Indes seit den fünfziger Jahrenbeherrschten wieder französische Ehebrnchsdramen und prunkvolle, geistlose Ausstattungsstücke dasTheater, zwar nicht vollständig, aber doch in bedenklichem Umfange. Man sah Machwerke, wiedie „Reise um die Erde", die „Reise nach dem Monde", bearbeitet nach den naturwissenschaft-lich angehauchten phantastischen Romanen Jules Vernes, Hunderte von Malen nacheinanderaufführen. Ein höheres, cdleres und freieres Streben machte sich dann seit den sechzigerJahren an den besseren deutschen Bühnen wieder geltend. Theaterleitungen und Schauspielerbegannen in ernster Arbeit echte Leistungen auszubilden, die vornehmlich auch der Förderungdes klassischen Dramas gedient und dessen Aufführungen auf eine vorher »»gekannte Höhegehoben haben. In jüngster Zeit geschieht dem freilich wieder gewaltiger Eintrag durch diebegeisterte Aufnahme der titanischen, aber menschenfeindlichen tragischen Muse des NorwegersHendrik Ibsen, sowie französischer und russischer Bühnenstücke, die das moderne Gescllschaftslebenbehandeln und vielfach ohne tieferen, moralischen Gehalt sind. Daneben ist eine neue natura-listische Schule aufgetreten, welche in ihren Stücken die materielle Not und das sittliche Elenddes Lebens, für das in den verschiedensten Kreisen des Volkes sich Beispiele finden lassen, zurDarstellung bringt und dabei, wie auch in ihren Romanen und lyrischen Erzeugnissen, dasRohe und Triviale an die Stelle des Schönen und Erhebenden zu setzen sucht. Zur Geschichtedes Theaters haben Leopold Klein und Eduard Devrient wertvolle Arbeiten geliefert.