YZ2 Sechstes Buch. Vl. Lkuust und Dichtung der neuesten Zeit.
Zwar stehen diesen pessimistischen Dichtern sowohl optimistische gegenüber, wie solche, inderen Werken sich beide Richtungen vermengen oder auch keine von beiden vertreten ist; aberman darf Wohl sagen, daß die gesamte heutige Litteratur von dem Kampfe zwischen Optimismusund Pessimismus angekränkelt ist. Mehr auf der Seite des ersteren stehen indessen Karlvon Holtei, der in seinen „Vagabunden" den Leichtsinn so liebenswürdig schilderte, sowieGustav Freytag (geb. 1816) mit seinen groß angelegten und klassisch durchgeführten Werken, derin „Soll und Haben" den Handelsstand, in der „verlorenen Handschrift" die gelehrte Welt, inden „Ahnen" aber die gesamte deutsche Geschichte lebendig gemalt, auch vortreffliche kultur-historische Bilder geschaffen hat. Gustav Freytags Romane bezeichnen einen Höhepunkt in derEntwickelung der Prosadichtung. Überhaupt hatte der Roman, nachdem er der Novelle end-gültig den Rang abgelaufen, immer breiteren Raum gewonnen; das Lesebedürfnis der großenMenge suchte fast allein in ihm seine Befriedigung. Mit der Zeit kam auch eine höhereRichtung in der Romanlitteratur zur Geltung, welche, die seichten Massenerzengnisse leichterUnterhaltung tief unter sich lassend, dem Roman edle Ziele steckte und bedeutsame Aufgabenstellte, schließlich ihn zu der Kunstform erhob, in welcher alles was das Leben in seinenHöhen und Tiefen bewegt, zur Darstellung und Erörterung gebracht wurde. In diesem Ent-wickelungsgänge bewies sich ein historischer Zug als besonders stark und bewahrte die Fähig-keit, sich zu einer kräftigen, erfrischenden Strömung auszubilden, aus welcher der ernste, aufgründlichen Studien beruhende historische Roman entstanden ist.
Der erste Dichter, der das vaterländische Gebiet im geschichtlichen Roman anbaute, warWilhelm Häring (1798—1871), der unter dem Namen Wilibald Alexis im Jahre 1832seinen Roman „Cabanis" brachte, welcher in der treu gezeichneten Zeit Friedrichs des Großenspielt. Seitdem hat sich diese Romangattung in der deutschen Litteratur über alle Gebiete derGeschichte, nicht allein der deutschen nur, und über alle Zeiten bis in das ägyptische Altertumverzweigt. Ein gut Stück wertvoller Kulturgeschichte kommt in diesen zum großen Teil vor-trefflichen Werken zur lebensvollen Erscheinung, in vielen überwiegt sie den dichterischen Wert.Die vollkommenste Verschmelzung beider Elemente hat sich in der Prächtigen Romandichtung ausDeutschlands frühem Mittelalter „Ekkehard" von Viktor von Scheffel (1826—1886) vollzogen.
Neben dem historischen Roman steht, ein echtes Kind deutscher Muse, die kulturhistorischeNovelle, welche das Volksleben der deutschen Heimat gemütvoll schildert. Die modernenSchöpfungen derselben leitete Albert Bitzius (1797—1854), ein Pfarrer in der Schweiz, dersich als Dichter Jeremias Gotthelf nannte, im Jahre 1836 mit seinem „Bauernspicgel" ein.Schon 1843 trat Berthold Au erb ach (1812—1882) mit seinen köstlichen Dorfgeschichten ausdem Schwarzwald auf, deren großer Erfolg nunmehr fast jeder deutschen Landschaft ihrenNovellisten erstehen ließ. Land, Leute und Leben wurden da studiert und mit mehr oderweniger poetischer Begabung in Erzählungen behandelt, die von ungleichem Werte, doch allevon einer gesunden Grundanschauung durchzogen sind, und durch den Gegensatz des einfachenVolkslebens zu dem überfeinerten Gesellschaftstreiben ihre bedeutsame Wirkung ausübten. Dieplattdeutsche Sprache machte Fritz Reuter (1810—1874) in seinen kostbaren Erzählungen volldes sprudelndsten Humors litteraturfähig.
Der Aufgabe des Romans und der Novelle, die Zustünde und Sitten der Lebenskreiseund der Zeitabschnitte, denen sie ihre Stoffe entnehmen, in vollständigen und treuen Bilderndarzustellen, wird die neuere deutsche Prosadichtung, an der sich auch Frauen vielfach und mitGlück beteiligt haben, in hohem Grade gerecht. Im ganzen betrachtet, bedeutet die Ent-wickelung, welche diese Kunstformen in der Zeit seit Goethes Tod genommen haben, in künst-lerischer wie ethischer Beziehung einen nicht geringen Aufschwung. Das kaun auch vom Eposund der lyrischen Dichtung, einschließlich des religiösen Liedes, gelten. In der epischen Poesietrat mit einen: großartigen nationalen Stoff „Die Völkerwanderung" zuerst Hermann Lingg(geb. 1820) hervor, dann der markige und gedankenvolle Wilhelm Jordan (geb. 1819) mitseinen Nachdichtungen aus dem Heldenkreise der Nibelungensage. Eine eigenartige Verbindungvon epischer Grundform mit lyrischen Bestandteilen und lyrischer Stimmung vollzog sich inden Dichtungen von Julius Wolfs (geb. 1834), der mit großer Frische in der anmutigen