456 Sechstes Buch. VII. Die idealen Gebiete des Wissens in der neuesten Zeit.
Spekulation trat. Das Schwelgen in dunkelen, so oder anders auszulegenden Phrasen wurdedurch klare Untersuchungen der Meinung über das Verhältnis zwischen Glauben und Wissenverdrängt. Der Fortschritt, als die mit Gründen unterstützte Weiterentwickelung der Ideen, tratan Stelle der Aufklärung, d. h. der unbegründeten Entgegensetzung willkürlicher neuer gegenältere Lehren. Die Philosophie wagte es endlich, auch die Religion in den Kreis der zuerforschenden Dinge neben die Gegenstände der übrigen Wissenschaften zu stellen. Aus einemunnahbaren, unantastbaren Heiligtum wurde die Religion somit zu einem Objekte der Forschungund kritischer Darstellung.
Die bereits genannten drei Gruppen der Schule Hegels gelangten in diesem Streben selbst-verständlich zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Die rechte Seite suchte seit 1827 in denunzutreffend so genannten „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik" die reaktionäre preußischeRegierung zu überzeugen, daß die Wissenschaft, d. h. ihre eigene Richtung, dem Staat und derKirche nicht gefährlich sei; sie stempelte in ihrem Streben die Philosophie zur Magd derTheologie, wie sie es im Mittelalter gewesen war. Was die Theologie lehrte, das sollte nachdieser Anschauung die Philosophie ohne Kritik beweisen müssen. Hiermit sonderte sich dierechte Seite, zu deren Vertretern Göschel, Hinrichs, Schallen, Erdmann, Gabler gehörten,selbst aus der Philosophie aus. Mit derselben sind die Vermittler zwischen den Schulen Hegelsund Schellings verwandt, unter denen Jmmanucl Hermann Fichte, der Sohn des großenFichte, und Weiße standen.
Das Centrum der Hegelianer aber zerfiel wieder in eine rechte, mittlere und linkeFraktion. Die erste, mit Karl Rosenkranz, Kants drittem Nachfolger in Königsberg, an derSpitze, schritt bis zur Anerkennung des Widerspruchs zwischen gewissen Dogmen und derPhilosophie vor, nahm aber im übrigen eine wesentlich konservative Stellung ein. UnterMarheineke und Vatke bekannte sich das mittelste Centrum zur Überordnung des Wissensüber, den Glauben und zum Pantheismus, aber mit theologischen Anklängen, ohne jedoch dieFortdauer des Lebens nach dem Tode zu behaupten. Das linke Centrum unter Michelet,einem rührigen Gegner Schellings, verwarf zwar die Dogmen der Theologie, wollte aberdennoch die Religion in der Philosophie nicht aufgehen lassen, sondern ihr eine selbständige,immerhin philosophisch aufgefaßte Stellung wahren.
Einen ganz anderen Standpunkt nahm die linke Seite der Schule ein. Sie begann damit,daß sie den Dogmen nur in Gedanken, nicht aber in der Wirklichkeit Berechtigung zuerkannte;dann aber schritt sie bis zur völligen Verwerfung nicht nur aller Theologie, sondern sogaraller Metaphysik und damit endlich auch des Systems, aus dem sie selbst hervorgegangen, fort.Diesen Standpunkt, der in offenster Weise das Prinzip des Fortschritts zu dem seinigen machte,vertraten die „Halleschen Jahrbücher", welche der eben aus politischer Haft befreite ArnoldRüge und Echtermeyer im Jähre 1838 gründeten und zum Sammelplatz aller gegen theo-logische, spekulative und politische Autorität und Reaktion ankämpfenden Geister machten. DieseZeitschrift begann damit, daß sie den Romantikern gegenüber den protestantischen Standpunktvertrat. Sie wurde in Preußen unter Eichhorns Herrschaft durch Stahls und Schellings Ein-fluß (1841) verboten und siedelte nach Leipzig über. Dort erschien sie als „Deutsche Jahr-bücher" weiter und bekannte sich offen zur Demokratie, während sie die philosophische Oppositionden „Jahrbüchern der Gegenwart" und anderen kleineren Zeitschriften überließ.
Bald trat die neue Richtung auch sonst entschiedener hervor. Schon im Jähre 1833verkündete Richter in seiner Schrift „von den letzten Dingen", als „Geheimlehre" der SchuleHegels die Leugnung der Unsterblichkeit. Der Führer und erste Vorkämpfer der HegelschenLinken aber war David Friedrich Strauß aus Ludwigsburg (1808—1874), der in seinem1835 erschienenen berühmten „Leben Jesu" eine durchaus neue Bahn auf dem Felde der Kritiktheologischer Meinungen einschlug. Er verschmähte sowohl die Manier der Rationalisten desachtzehnten Jahrhunderts, welche in den Wundern der Bibel Betrug oder willkürliche Er-dichtung sahen, wie auch jene des freisinnigen Heidelberger Theologen Paulus, der darin„natürliche Vorgänge" erblickte. Vielmehr erklärte er alle jene Erzählungen der heiligenSchriften, - welche den Naturgesetzen widersprechen, einfach als Mythen, die nach und nach unter