Band 
Zweiter Band.
Seite
457
JPEG-Download
 

Die Hegelsche Schule. Strauß. Bauer. Feucrüach. 457

den Gläubigen entstanden seien. Der dogmatische Standpunkt, den Strauß einnimmt, ist einpantheistischer: Gott und Welt sind für ihn eins. Die Menschwerdung Jesu erweiterte er ineine allgemeine Menschwerdung Gottes; das, was die Kirche Jesu zuschreibt, übertrug er vondiesem auf die idealisierte Menschheit, welche aus Gott geboren sei, Wunder verrichte, leide,sterbe, auferstehe und in den Himmel fahre. Die zeitliche Weltschöpfung ersetzte er durch eineohne Anfang und Ende stets fortdauernde. Wohl felten hat ein Buch eine solche Menge vonGegen- und Streitschriften hervorgerufen wie dieses; Wohl selten auch hat ein Buch dem Ver-fasser und seiner Zeit so denkwürdige Schicksale und Ereignisse geschaffen. Strauß, der inTübingen Repetent am theologischen Seminar war, wurde in seiner Heimat seiner Stellungentsetzt. Vier Jahre später erhielt er eine Berufung nach Zürich (1839), die dort aber einepietistisch gefärbte Volksbewegung hervorrief; und selbst nachdem seine Wahl zurückgenommenworden war, führte die fortdauernde Gärung zum Sturze der liberalen Regierung von Zürichund damit zum Beginn einer politisch-religiösen Reaktion, die dort zwar bald vorüberging,aber in der katholischen Schweiz tiefere Wurzeln schlug und zuletzt den Sonderbundskrieg zurFolge hatte. — Strauß schrieb auch (1840) eine Dogmatik, d. h. eine Kritik der christlichenDogmen, welche er nach Ursprung und Bedeutung untersuchte. Er gelangte dabei zu dem Er-gebnis, daß die Unterschiede der Konfessionen ohne eigentliche Wesenheit und Bedeutung wären(S. 464).

Weiter noch als Strauß ging Bruno Bauer (geb. 1809), welcher als orthodoxer jungerTheolog das „Leben Jesu" angegriffen hatte, nun aber zum Extrem übersprang und in seiner„Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker" (1841) Strauß als einen „Orthodoxen"bekämpfte. Er zergliederte darin die heiligen Bücher wie gewöhnliche Schriften und stellteihre Verfasser als „Erfinder, unsinnige Entstellen und Plagiatoren" hin, indem er zugleich dieReligion des Verbrechens anklagte, alle übrigen Verhältnisse, Familie, Staat, Wissenschaft undKunst in sich aufgesaugt und den Menschen sich selbst entfremdet zu haben. Die „NorddeutschenBlätter" wurden seitdem zu einem Sammelplätze der kecksten und oft genug frechsten Kritik,unter deren Trägern stets einer hinter dem anderen als Vertreter eines überwundenen Stand-punktes zurückblickn

Während Bauers Richtung, so fieberhaft sie anfangs die Welt aufgeregt hatte, späterwieder verscholl und er selbst, sich unmännlich genug, der Reaktion zuwandte, wurden die Kon-sequenzen der linken Hegelschen Schule in ruhiger und dabei einschneidender Weise von einemphilosophisch ebenso radikalen wie als Mensch ehrenhaften und charakterfesten Manne gezogen,nämlich von Ludwig Feuerbach (1804—1872), dem Sohn des Kriminalisten. Seine gegen-sätzliche Stellung zu Hegel, aus dessen Schule er hervorgegangen war, drückte er selbst so aus,daß Hegel die Religion mit der Philosophie verschmelze, er aber die Verschiedenheit beiderhervorhebe; daß Hegel ferner das Wesen der Religion im Glauben, er selbst aber in der Liebeerblicke. In seinem „Wesen des Christentums" (1841) erklärte Feuerbach den Menschen alsdasjenige, woraus die Religion idealisierend Gott gebildet habe, was er dann im „Wesen derReligion" (1845) dahin erläuterte, daß in den Naturreligioncn die Natur, im Christentumaber der Mensch Gegenstand der Verehrung geworden sei. Dieser hervorragende Religions-philosoph hat zwar in seinen Schriften die Dogmen unbarmherzig zergliedert, als nichtig dar-gestellt und auf menschliche Verhältnisse zurückgeführt, allein dies ist geschehen ohne jedes Wortdes Spottes oder der Verletzung gegenüber der Religion. Die edle und schöne Seite seinesStandpunktes ist die, daß er in begeisterten Worten die Liebe als das Prinzip der Welt priesund ihre Bethätigung unter den Menschen verlangte.

Über die Religion hinaus gehen im wesentlichen Feuerbachs Werke nicht; aber seine Lehrevom Menschen haben andere Schriftsteller auf weitere Verhältnisse angewendet und dabei leiderkarikiert. So behauptete Nees von Esenbeck in seiner „Naturphilosophie" (1841), der Menschsei die Voraussetzung aller Dinge; Max Stirner ging in der Schrift „Der Einzige und seinEigentum" (1845) sogar soweit, den Willen und die Lust des einzelnen Menschen zum alleinmaßgebenden Faktor zu erheben und damit nicht nur die Religion, sondern auch die Moralzu leugnen.