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Zweiter Band.
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Gegensätze in der Theologie. „Umkehr der Wissenschaft." 459

galt lange Zeit für eine Hochburg der Glaubensfreiheit. Er wurde aber in dieser Beziehungbald von einer energischeren Bewegung überholt, deren Träger seit dem Jahre 1844 die„protestantischen Freunde" oder „Lichtfreunde" unter den Predigern Rupp in Königsberg,Uhlich in Magdeburg und Wislicenus in Halle waren; aber von der herrschenden Kircheangefeindet und von den Regierungen verfolgt, entwickelten sie sich notgedrungen bald zu denradikalen „freien Gemeinden" ohne religiöse Basis.

Ähnliche Bewegungen erlebte die katholische Kirche. Der Geist Wessenbergs und seines

ebenso milden Zeitgenossen Michael Sailer, der als Bischof von Regensburg 1832 starb, war

verschwunden. Eine im Jahre 1826 unter den katholischen Geistlichen Schlesiens aufgetauchte,von dem Breslauer Professor Anton Theiner geleitete informatorische Bewegung, welche gegenden Cölibat und die Übertreibungen der Werkheiligkeit gerichtet war, ja sogar auf Unabhängig-keit von Rom hinzielte, blieb ohne Folgen. Mit erneuertem Eifer verpönte die römische Kurie

seit 1830 die gemischten Ehen; in Preußen rief sie dadurch einen Kirchenstreit hervor, welcher

in der Verhaftung zweier Erzbischöfe gipfelte, die der seit 1840 .regierende König indes auf-hob, worauf die päpstliche Kirche in jeder Beziehung vor der evangelischen bevorzugt wurde.Die katholischen Theologen, Hermes, Hirscher, Günther und Mähler, welche unternähmen, dieLehre des Katholizismus wissenschaftlich zu behandeln, wurden ungeachtet ihrer vollen Rechtgläubig-keit nacheinander verketzert. Endlich bewirkten aber die im Jahre 1844 auf Anordnung des BischofsArnold! von Trier veranstalteten Wallfahrten zum „ungenützten heiligen Rock" einen ganzDeutschland durchbrausenden Sturm des Widerspruchs. Ein Geistlicher, der Kaplan JohannesRouge aus Schlesien, erhob durch ein Sendschreiben an jenen Bischof seine Stimme gegendiese Rückkehr ins Mittelalter; die „christ-", später „deutsch-katholischen Gemeinden" entstanden,deren Reihe die Gemeinde Schneidemühl in Posen, ihren Pfarrer Czerski an der Spitze, er-öffnete, welche jedoch, auf Ronges Antrieb, schon seit dem nächsten Jahre ein Dogma nachdem anderen verwarfen und an Radikalismus mit den „freien Gemeinden" wetteiferten, gleichdenen sie verfolgt, von Baiern und Österreich z. B. völlig ausgeschlossen wurden.

Zugleich erhob sich auch im Schoße des Judentums die bereits seit Anfang des Jahr-hunderts arbeitende Reformpartei unter der Führung Abraham Geigers und Samuel Holdheimsvon neuem. Berlin, Breslau und Frankfurt a. M. waren die Hauptsitze dieser Bewegung.Abergläubische und einer primitiven Kulturstufe angehörende Gebräuche wurden aufgegeben oderwenigstens umgewandelt und durch gereinigtere ersetzt, bei denen das Protestantische Christentumals Vorbild diente.

Die nach Niederwerfung der Erhebungen von 1848 und 1849 über Deutschland herein-gebrochen Reaktion hatte vor den früheren rückläufigen Bewegungen eines voraus, — dieErfindung des Schlagwortes von einer „Umkehr der Wissenschaft". Die Wissenschaft sollte ander Revolution die alleinige Schuld tragen. Dem Umsturz aber sollte durch Unterdrückungder freien Forschung, deren Inhalt in reaktionäre Formen umgegossen werden sollte, abgeholfenwerden. Die „freien Gemeinden" und die „Deutschkatholiken" wurden derart verfolgt undunterdrückt, daß sie bis auf kleine Minderheiten zusammenschmolzen und sich auch später nichtwieder zu erholen vermochten, wozu übrigens die zunehmende Gleichgültigkeit der Bevölkerunggegen religiöse Fragen viel beitrug. Die herrschenden Kreise dagegen ließen es sich in derReaktionszeit der fünfziger Jahre überaus angelegen sein, die orthodoxe Partei beider großenchristlichen Bekenntnisse zu stärken und zu unterstützen. Den weitgehendsten Forderungen derkatholischen Kirche kamen die Regierungen auf das bereitwilligste entgegen, ohne die Rechte desStaates zu wahren. Die preußische Verfassung vom Jahre 1850 ging hierin schon weit; nochviel weiter aber verirrte sich das österreichische Konkordat von 1855, und zwar in einer diePolitik Josefs II. so vollständig umwerfenden Art, daß es später als unvereinbar mit der Würdedes Reiches wieder aufgehoben werden mußte. Durch dieses Konkordat war der Kirche in allenihren Angelegenheiten der Beistand des Staates über ein Jahrzehnt lang gesichert; der Verkehrdes Papstes mit der österreichischen Geistlichkeit war völlig freigegeben; den Erzbischöfen undBischöfen war der religiöse und theologische Unterricht gänzlich überlassen und ein großer Ein-fluß auf die weltlichen Schulfächer eingeräumt; die Wahl aller nicht strenggläubigen Lehrer