458 Sechstes Buch. VII. Die idealen Gebiete des Wissens in der neuesten Zeit.
Selbst auf dem seiner innersten Natur nach neutralen Gebiete der Wissenschaft des Schönen,der Ästhetik, machten sich die Richtungen des Tages geltend. Friedrich Theodor Bischer(geb. 1807) begründete diesen Zweig der Philosophie pantheistisch im Sinne der Übereinstimmungvon Gott und Welt, wogegen die Anti-Hegelianer Moriz Carriere (geb. 1817) und LudwigEckardt (geb. 1827) ihm theistisch eine auf dem Gottesglauben beruhende Grundlage zu gebenversuchten.
Es ist nun freilich nicht zu verkennen, daß alle die genannten Meinungen Schwächenund Irrtümer enthalten, und daß die Besorgnis vor einem schädlichen Einflüsse derselben ausdie Bevölkerung mit dazu beigetragen hat, die preußische und nach ihrem Beispiel auch anderedeutsche Regierungen in religiöser Beziehung auf die Bahn der Reaktion zu lenken. Ebensowahr ist es aber, daß die maßlose Übertreibung in der Betonung des einen und anderenüberwundenen religiösen Standpunktes zur weiteren Verbreitung jener antiorthodoxeu Lehrenund Ansichten großen Anstoß gegeben hat. Dieser heiße Kamps der Extreme konnte jedochnicht verhindern, daß sich auch maßvolle und vernünftige Richtungen geltend machten, welchesich von jeder Überstürzung ebenso fern hielten, wie von dem Verharren aus Meinungen, dievon dem Fortschritte der Wissenschaften längst überholt waren.
Der Hauptmangel des „Lebens Jesu" von Strauß war, daß der Verfasser für die Ent-stehung der Evangelien die Annahme einer späteren Zeit als derjenigen der Jünger Jesu nichtbegründen konnte. Diese Lücke sollte ein anderer, ebenso kritischer, aber tieferer und ruhigererForschergeist ausfüllen. Der Theologe Ferdinand Christian Banr (1792—1860), Professor-in Tübingen, gelangte durch historische und philologische Forschungen zu dem Ergebnis, daß dieEvangelien, und zwar das des Johannes zuletzt, erst im zweiten Jahrhundert nach Christo,geschrieben worden seien. Die Entstehung der Wundergeschichten erklärte er aus einer Ver-schiedenheit der Auffassung zweier Parteien unter den Evangelisten: einer judenchristlichen, dieden.Durchgang der Heiden durch das Judentum zur Taufe forderte, und einer heidenchristlichen,welche die Heiden unmittelbar aufnahm, — jene unter Petrus, diese unter Paulus als Führern,die sich dann aber zur Zeit der Christenverfolgungen vereinigt hätten.' Diese Forschungensetzten die Schüler Baurs, die „Tübinger Schule", fort, vervollständigten sie, und begründetendamit eine kritische Richtung, welche an Religiosität der orthodoxen mindestens gleichsteht, anWissenschastlichkeit aber ihr unendlich weit überlegen ist. Die Folge war, daß auch die Ortho-doxen Zugeständnisse an die freie Forschung machten und eine reine Orthodoxie auf wissen-schaftlichem Boden heute gar nicht mehr existiert. Durch diese Gestaltung der Dinge hat dieTheologie jetzt endlich einen wissenschaftlichen Inhalt bekommen, nachdem sie früher nur zuglauben befohlen und das Wissen befehdet hatte. Zeugnisse dafür sind die alttestamentlichenGeschichtswerke von Ewald, Hitzig, Wellhausen, Stade; die neutestamentlichen von Schenkel undHoltzmann; die kirchengeschichtlichen Werke von Neander, Gieseler, Hase und von Bcmr selbst;die religiös-philosophischen der Schweizer Biedermann und Alex. Schweizer, des SchwabenPfleiderer, des Norddeutschen Lipsius; sowie die dogmatischen Schriften von Ritschl und Harnack.
Das Kirchenregiment selbst war indessen von der wissenschaftlichen Bewegung wenig odergar nicht berührt worden. Auch in der protestantischen Kirche walteten hierarchische Gelüste,und ihre Träger spielten die Rolle kleiner Päpste. Die von Hengstenberg herausgegebene„evangelische Kirchenzeitung" und nach dessen Tod die „lutherische Kirchenzeitung" unter derRedaktion von Luthardt in Leipzig eiferten gegen allen Freisinn und jede Kritik und ver-ketzerten alle nicht nach ihrer Weise Gläubigen. Die „Altlutheraner" erhoben sich gegen diepreußische Union; ja sie fanden eine Stütze in dem neuen König Friedrich Wilhelm IV., welcherzu einer Kirchenverfassung und einem Ceremoniell nach Art der englischen Hochkirche hinneigte.August Tholuck, der das Christentum aus voller Gemütstiefe heraus erfaßte und keineswegszu den starren Orthodoxen zählte, erneuerte in Halle die Herrschaft des Pietismus, währenddie Schüler Schleiermachers als Vermittelungstheologen zwischen Orthodoxie und Wissenschafthin und her schwankten. Dieser düstere Geist rief gleichzeitig mit der philosophischen Bewegungauch eine freisinnig-religiöse ins Leben. Der Gustav-Adolf-Verein, welcher sich (1832) zudem Zwecke gebildet hatte, protestantische Gemeinden in katholischen Gegenden zu unterstützen,