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Zweiter Band.
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462 Sechstes Buch. VII. Die idealen Gebiete des Wissens in der neuesten Zeit.

die Regulative im Jahre 1872 beseitigt und bessere Zustände begründet, die aber später durchden bekannten Feldzug gegen die Simultanschulen einen Rückschlag erlitten.

Zu diesen Bestrebungen paßte es, daß seit ungefähr 1850 auch der amerikanische, miteinem Zurückgehen auf die rohesten psychologischen Begriffe der Naturvölker verbundene Humbugdes Spiritismus, des Tischrückens und Geisterklopfens Aufnahme und selbst in gebildetenKreisen Deutschlands Anklang fand. Dieses Treiben wurde zwar vielfach als Betrug und inden meisten Fällen als Selbsttäuschung, niemals aber als auf Thatsachen und auf der von denSpiritisten selbst behaupteten Grundlage beruhend nachgewiesen, dennoch aber wurde es, undsogar von einzelnen Gelehrten verteidigt.

Die Verfolgung der wissenschaftlichen Forschung war in den deutschen Staaten fast all-gemein geworden. Als eine ehrenvolle und glänzende Ausnahme steht Baiern zur Zeit KönigMaximilians II. (reg. 1848—1864) da, welcher die Bestrebungen der Wissenschaft in groß-herzigster Weise unterstützte und bedeutende Gelehrte und Dichter in seine Umgebung zog.

Je öfter aber auf Wiederherstellung veralteter Zustände abzielende Versuche sich wieder-holen, um so gefährlichere Folgen haben sie. Die Reaktion der zwanziger Jahre hatte denLiberalismus, die der dreißiger Jahre den Radikalismus, die der vierziger Jahre die Revo-lution erzeugt. Die im fünften Jahrzehnt unseres Jahrhunderts unternommene Reaktion riefnicht weniger als drei die Sittlichkeit, die Gesellschaft sowie die Geistesbildung untergrabendeund zerstörende Richtungen auf die Bühne der Kulturgeschichte: den Pessimismus, den Mate-rialismus und den Sozialismus. Bis dahin hatten in Deutschland die Gegensätze derselben,der Optimismus, der Idealismus und der Humanismus unbedingt geherrscht. Die Revolutiondes Jahres 1848 erschütterte diese, wenn auch einseitigen doch unschädlichen Richtungen aufdas tiefste, und die darauf folgende Gewaltherrschaft verkehrte sie in ihr Gegenteil. Allerdingswaren diese neuen unheilvollen Strömungen schon früher vorhanden; aber ihr Einfluß inDeutschland war auf die kleinsten Kreise beschränkt, und in vielen Gegenden, namentlich außer-halb der großen Städte, waren sie überhaupt noch nicht zu einer Wirkung gekommen.

Der Pessimismus, ebenso widersinnig wie der Optimismus, weil ebenfalls auf will-kürlichen, unbewiesenen Annahmen beruhend, aber nicht harmlos wie dieser, sondern voll desätzenden Giftes, ist der Sohn der Verzweiflung und des Wahnsinns, der Vater des Verbrechensund des Selbstmordes, deren tief zu beklagende Anhäufung ihn wieder weiter verbreitet. Mankann indessen den Pessimismus sehr wohl begreifen. Er geht durchaus parallel mit der Zu-nahme des Lasters und mit der Entwickelung des sozialen Rückschrittes; mit beiden steht er infortwährender Wechselwirkung.

Diese krankhafte Geistesrichtung fand gleichzeitig mit der geschilderten Reaktion in Deutsch-land Verbreitung: das ist um so bezeichnender, als die litterarische Wirksamkeit Arthur Schopen-hauers (1788—1860), der durch seine Philosophie zum Propheten des Pessimismus gewordenist, schon 1819 begonnen hatte, aber erst nach ungefähr dreißig Jahren in weiteren Kreisenbekannt wurde. Die in seinem Hauptwerke „Die Welt als Wille und Vorstellung" (1819)dargelegte Lehre, eine deutsche Übertragung der buddhistischen Nirwanaphilosophie, ist halbatheistisch und halb materialistisch. Der optimistischen nachkantischen Philosophie steht sie als eineentschieden pessimistische scharf gegenüber und kann als der folgerichtige Ausdruck aller nachden Befreiungskämpfen entstandenen Erbitterung gegen die herrschenden Zustände betrachtetwerden. In der beifälligen Aufnahme dieser Lehre um die Mitte unseres Jahrhunderts drücktesich die Gesamtsumme alles gesellschaftlichen, staatlichen und sittlichen Elends aus, wie es sichallmählich angesammelt hatte. Schopenhauer nannte den Urgrund alles Seins sonderbarerweise„Willen". Derselbe liegt nach ihm außerhalb der Zeit und des Raumes; in der Materie wirder sichtbar; mit seiner Befriedigung hört er auf. Einen Zweck und Sinn hat nichts; dasLeben des Menschen ist nur Leiden, aller Wunsch Schmerz, jedes Ziel ein Wahn, das Lebeneine Störung der seligen Ruhe des Nichts, ein Betrug. Die Menschen sind nach Schopenhauerentweder Schurken oder Dummköpfe. Die wahre Erlösung besteht nach ihm in der Verneinungdes Willens zum Leben; die Geschichte ist nur ein langer, wüster Traum der Menschheit.Dieser Charakter der Philosophie Schopenhauers tritt nicht so grell hervor in den unter dem