464 Sechstes Buch. VII. Die idealen Gebiete des Wissens in der neuesten Zeit.
Maßstab des Schönen, Gefallenden an die Handlungen der Menschen anlegte, ließ eine Ent-fernung dorn Idealismus hervorblicken. In der Religion leistete diese philosophische Schuleauf ein spekulatives Wissen von Gott und göttlichen Dingen völligen Verzicht; sie schloß denGlauben von der Wissenschaft aus. Der Göttinger Professor Lotze erklärte in seiner „Meta-physik" (1841) das Organische als eine Form der Vereinigung des Mechanischen. Th. Waitzbehandelte in seinem Lehrbuche die Psychologie als Naturwissenschaft (1849). Der erste Ge-lehrte, welcher den Materialismus, d. h. die Lehre von der beständigen Verbindung der Materiemit der Kraft, wissenschaftlich begründete, war ein Arzt: der Holländer Jakob Moleschott(1822—4892). Er war ein Anhänger der linken Seite des Hegelschen Systems, wirkte seit1847 in Heidelberg als Privatdozent und als Leiter eines physiologischen Laboratoriums, wurdedort aber 1853 wegen seiner Ansichten gemaßregelt und im nächsten Jahre entsetzt, worauf erals Professor nach Zürich ging. Zuletzt wirkte er in Rom. Sein Hauptwerk, „Der Kreislaufdes Lebens" (1852), ist durchaus naturwissenschaftlich gehalten und befaßt sich nicht mit philo-sophischer Polemik, wurde aber gleichwohl das Evangelium der ungenau sogenannten mate-rialistischen, richtiger naturalistischen Schule. Im Namen derselben begann eine Polemik LudwigBüchner (geb. 1824), der als Arzt in Darmstadt lebt, mit seinem zuerst im Jahre 1855 er-schienenen Buche „Kraft und Stoff". Ohne tiefere Auffassung der Sache, aber mit Gewandt-heit verfocht er darin im ganzen dasselbe, was einst Feuerbach gelehrt, nur mit dem Unterschiede,daß er das, was jener philosophisch und poetisch umkleidet hatte, ohne alle ideale Färbung reinnaturwissenschaftlich behandelte. Dadurch erhielt seine Lehre ganz absichtslos einen rohen undcynischen Anstrich und verleitete deshalb viele Menschen zu dem Wahne, als wäre die Ver-werfung alles Idealen, das doch auch eine „Kraft" ist, und die alleinige egoistische und herzloseHingabe an den materiellen Genuß die größte Weisheit und die höchste Aufgabe des Menschen.
Nach dieser Lehre, unter deren Aposteln namentlich der Genfer Professor der Geologieund Zoologie Karl Vogt (geb. 1817) einen gefeierten Namen besitzt, giebt es keine Kraftohne Stoff und keinen Stoff ohne Kraft. Die Kraft ist eine Eigenschaft des Stoffes; derStoff ist unvergänglich, unendlich. Die Entstehung aller Wesen ist das Ergebnis einer fort-laufenden Entwickelung. Die Natur hat keinen anderen Zweck als sich selbst. Die Seele istnur Funktion des Gehirns, der Unterschied zwischen Tier und Mensch nur graduell. Daßnach dieser Lehre ein höchstes Wesen, die Fortdauer nach dem Tode und die Freiheit des Willenswegfallen, versteht sich von selbst, ebenso aber auch, daß sie nicht weniger ein willkürlichesDogma ist als irgend ein kirchliches. Die Anhänger der naturalistischen Lehre bestreiten, daßsie der Moral und den idealen Bestrebungen schädlich sei, jedoch giebt ihnen die Erfahrungkeineswegs recht. Wohl aber hat sie das unstreitig Gute gehabt, daß sie einerseits den Aber-glauben untergrub, sowie den Wunderglauben beschränkte und anderseits die Beschäftigung mitden Naturwissenschaften und die Fortschritte in denselben ungemein förderte. Als philosophischeRichtung indes hat diese Lehre so wenig befriedigt, daß die Sehnsucht nach der Wahrheitvielen anderen Versuchen, dieselbe zu ergründen, das Leben gab. Doch hatte der Mate-rialismus immerhin die Folge, daß die auftretenden neuen Ansichten die Verbindung zwischenphilosophischer und naturwissenschaftlicher Forschung beibehielten, wie dies die Werke vonTheodor Fechner, Wilhelm Wundt und Eduard von Hartmann bezeugen.
Den Materialismus mit den idealen Bedürfnissen zu versöhnen, unternahm in seinenletzten Lebensjahren David Friedrich Strauß (S. 456f.) in seinem Buche „Der alte und derneue Glaube" (1872). Er warf darin die Fragen auf: „Sind wir noch Christen?" „Habenwir noch Religion?" „Wie begreifen wir die Welt?" „Wie ordnen wir unser Leben?" DurchBeantwortung derselben legte er ein Glaubensbekenntnis aller derjenigen nieder, welche wederden Kirchenlehrer! anhängen, noch sich durch den Materialismus befriedigt fühlen, — wie eres nannte, einen Inbegriff der „modernen Weltanschauung", oder, wie es die Philosophienennt, des Monismus. Andere vermittelnde Systeme versuchten Friedrich Überweg (1826bis 1871), August Bahnsen (1830—1881) und Jakob Frvhschammer (geb. 1821). DieGeschichte des Materialismus hat in einem geistvollen Buche Friedrich Albert Lange (1828 bis1875) dargestellt, ein Hauptführer derjenigen neuesten Schule, welche in einem Zurückgehen auf