474 Sechstes Buch. VIII. Die realen Wissenschaften und die soziale Frage.
der Deutschen entdeckte er eigentlich erst und gab in zahlreichen Werken die gewonnenen Schätzegemeinschaftlich mit seinem Bruder heraus. Seine eigenste Arbeit ist die historisch geordnete„Deutsche Grammatik" (seit 1819), seine „Deutsche Mythologie" (1835) und die „Geschichteder deutschen Sprache" (1848), während er mit seinem Bruder Wilhelm zusammen (seit 1852)das riesenhafte heute noch nicht vollendete „Deutsche Wörterbuch" unternahm, — eine selteneReihe großartiger Arbeiten. Uhland, Pfeiffer, Schleicher, Sanders, Haupt, Bartsch, Zarncke,Wackernagel, Müllenhoff, Wilhelm Scherer setzten das Werk der Brüder Grimm fort; KarlSimrock, ihr Nachfolger in der deutschen Sagenforschung, vervollständigte dasselbe durch neu-deutsche Wiedergabe der nordischen und altdeutschen Heldengedichte, namentlich der Nibelungen.Nach dem Vorgänge Hermanns (S. 399) aber vertieften sich in das klassische Altertum Zumpt,Buttmann, Otfried Müller, Ritschl, Friedrich Thiersch, Duncker, Passow, Curtius und Mommsen.Ludwig Preller wählte besonders die griechische und römische Mythologie, in welcher er auchfür die Sagenkreise anderer Völker, indem er den Naturdienst im alten Dämonen-, Heroen- undGötterglauben nachwies, bahnbrechend wirkte. So verbreitete sich die deutsche Sprachforschungüber weite und entfernte Gebiete: mit den indischen Völkern beschäftigten sich nach den BrudernSchlegel (S. 410 f.), BoPP, Bohlen, Hermann Brockhaus, Lassen und Max Müller; mit denPersischen Klaproth, Spiegel und Justi. Hammer-Purgstall, Gesenius, Ewald, Fleischer undNöldeke bearbeiteten die Sprachgebiete der Semiten, namentlich der Araber und Hebräer. Gabelentz,Wilhelm Schott, I. Hoffmann zogen durch ihre Studien die ostasiatischen Sprachen in denForschungsbereich. Martins und Tschudi lieferten Beiträge zur Kenntnis der südamerikanischenSprachen. In die Geheimnisse der ägyptischen Hieroglyphen, deren Aufklärung nach der fran-zösischen Expedition im Nillande Champollion begonnen hatte, drangen Lepsius, Brugsch, Ebersund Dümichen ein. Die chaldäisch-assyrischen Keilschriften, deren Entzifferung durch Grotefend(1802) begonnen worden war, wurden von Oppcrt, Schröder, Delitzsch und Hommel behandelt.
Eine „Weltsprache" hat 1880 Pfarrer Schleyer in Konstanz erfunden und damit etwaein Dutzend weitere Projekte dieser Art hervorgerufen. Der Umstand, daß in diesen Pläneneine Beschränkung des Erlcrnens wirklicher Sprachen und der Kenntnis ihrer Litteraturenliegt, womit ja zweifellos eine Herabminderung der allgemeinen Bildung eintreten würde, läßtdiese Unternehmungen Wohl als charakteristisch für gewisse moderne Zustände, aber nicht alsFortschritte der Kultur erscheinen.
Soweit die Sprachwissenschaft sich auf die Erforschung der Sprachen geschichtlicher Völkererstreckte, war eine Ergründung der Zustände der Vergangenheit derselben mit ihr verbunden,durch welche sie der Geschichtsforschung unschätzbare Dienste geleistet hat. Sie hat wohldas meiste dazu beigetragen, die Geschichtschreibung aus dem Fahrwasser einer künstlerischenSchönrednerei zur kritischen Darstellung hinüber zu führen. Die Rücksicht auf möglichst allge-meine Volkstümlichkeit leitete die am Anfang unseres Jahrhunderts erschienene „Weltgeschichtefür Kinder und Kinderlehrer" von Karl Friedrich Becker. Die rückwärts schauenden Ideender Romantik beeinflußten Karl Adolf Menzels „Geschichte der Deutschen" (1815—1823).Die Vaterlandsliebe ist in Heinrich Ludens (1780—1847) Werken, die während der Be-freiungskämpfe und nach denselben entstanden, namentlich in seiner „Geschichte des deutschenVolkes" (1825—1837) wirksam, die freilich schon vor der Mitte des dreizehnten Jahrhundertsabbricht. Der gegen die RestaurationsPolitik sich erhebende liberale, aber noch doktrinäre Geisttrat in Karl Rottecks (1775—1840) „Allgemeiner Geschichte" (1813 —1827) hervor.Historische Arbeiten nach Quellen, aber freilich nur nach spärlich fließenden, unternahmenArnold Herm. Ludwig Heeren (1760—1842) in Bezug auf die Kultur der Völker des Alter-tums und auf die diplomatische Geschichte der Neuzeit sowie Barthold Georg Niebuhr (1776bis 1831) auf dem Felde der römischen Geschichte, deren ältesten Teil er bereits in wahl-berechtigten Zweifel zog. Mit Friedr. Aug. Ukert (1780—1856), welcher die Geographiedes Altertums begründete, zusammen schuf Heeren das eine kritische Forschung ungemeinfördernde Sammelwerk „Geschichte der europäischen Staaten", das von Giesebrecht fortgesetzt,noch heute, den wissenschaftlichen Bedürfnissen gemäß teilweise erneuert wird. Mit Quellen-studium vereinigte freisinnigen Geist zuerst der unbestechliche Ostfriese Friedrich Christoph