Die Geschichtsforschung und das Gebiet des Rechts. 475
Schlosser (1776—1861), der als Professor in Heidelberg wirkte, in seiner „Weltgeschichtein zusammenhängender Erzählung" (1817—1824). Auf den Stil wenig Gewicht legend, leisteteer Bedeutsames in der Charakteristik der Völker, Zeiten und Personen, sowie in der Verbindungder litterarischen mit der politischen Geschichte, namentlich in seiner Darstellung des achtzehntenund der Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts. Sein großer Schüler Georg GottfriedGervinus (1805—1871) war der erste Schöpfer einer vollständigen und lesbaren „Geschichteder poetischen Nationallitteratur der Deutschen" (1835—1842), sowie einer CharakteristikShakespeares und seiner Werke; in der Einleitung zu seiner unvollendet gebliebenen „Geschichtedes neunzehnten Jahrhunderts" stellte er einen philosophisch durchdachten Überblick der Welt-geschichte auf. Eine „Allgemeine Weltgeschichte für die gebildeten Stände" (1857—1878)schrieb Georg Weber (1808—1890), Direktor der höheren Bürgerschule in Heidelberg. Vonverschiedenen Standpunkten aus wurde nun die quellenmäßige Geschichtschreibung in genießbarerDarstellung angebaut: so von Friedrich von Räumer die Geschichte der Hohenstaufen und desneueren Europa; von Friedrich Christoph Dahlmann die englische und französische Revolution;von Johann Gustav Droysen die spätgriechische und neuere preußische Geschichte; von LudwigHäusser, einem Elsässer, die neuere deutsche Geschichte. Der Lehrmeister der heutigen Geschicht-schreibung aber wurde Leopold von Ranke (1795—1886), dessen hauptsächliche Domäne dieGeschichte der bedeutendsten Völker Europas im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, —dessen Stärke elegante Sprache, unbedingteste Objektivität und reichste Quellenkenntnis, — dessenSchwäche aber die einseitig diplomatische Richtung war, welche ihn verleitete, nur Fürsten undStaatsmänner zu berücksichtigen, die Völker aber mit völligem Stillschweigen zu übergehen.Ganz einzig in seiner Art ist es, daß er in seinem höchsten Alter noch die Schöpfung einerdurch ihre tiefgehenden und geistreichen Überblicke ausgezeichneten „Weltgeschichte" unternahm,an deren Vollendung ihn aber der Tod verhinderte.
Rankes Schule hat die Vorzüge des Meisters beibehalten, seine Mängel aber abzuwerfengesucht. An ihrer Spitze stehen unbestritten: Heinrich von Sybel (geb. 1817), dessen „Geschichteder französischen Revolution", und Wilhelm von Giesebrecht (1814—1889), dessen „Geschichteder deutschen Kaiserzeit" zu den vollendetsten klassischen Werken deutschen Fleißes gehören undvermöge ihrer anziehenden Form zugleich Zierden unserer Litteratur sind. Nach neuen kritischenGesichtspunkten bearbeiteten Max Duncker die Geschichte des Altertums, Ernst Curtius diegriechische, Theodor Mommsen, der einen nicht unbestrittenen, allzu modernen Standpunkt ein-nimmt, sowie Peter und Hertzberg die römische Geschichte. Gregorovius wurde der Ge-schichtschreiber der Städte Rom und Athen im Mittelalter. Die Orientalisten Sprenger, Kremerund August Müller behandelten die Geschichte der mohammedanischen Welt; Treitschke diepreußische und deutsche Geschichte. Die letzten Jahre haben der Geschichte der Historiographienoch eine Menge neuer Namen und Werke beigefügt. Das bedeutsamste universalhistorischeWerk der Gegenwart, eine großartige Schöpfung der neueren quellen-kritischen historischen For-schung und ein beredtes Zeugnis des kraftvollen Aufschwunges unseres geistigen Lebens undStrebens ist die „Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen", welche im Jahre 1878, mitWilhelm Oncken (geb. 1838) an der Spitze, zu erscheinen begann und jetzt unmittelbar vorihrer Vollendung steht: ein Werk von vierundvierzig Bänden, zu dessen Ausführung sich bewährteHistoriker, Spezialisten ihrer einzelnen Gebiete, vereinigt haben, und in dem das Prinzip derIllustration aus den geschichtlichen Quellen selbst für alle Völker und Zeiten durchgeführt ist.
Den historischen Studien bezüglich Deutschlands leisteten die auf Anregung des Freiherrnvom Stein, von Pertz und anderen Gelehrten herausgegebenen Llonnmentn Osrmnninö llistorioa,unschätzbare Dienste. Zahlreiche historische Vereine sammelten riesenhaftes Material; vieleUrknndenbücher und andere Quellensammlungen erschienen.
Auch auf die Kulturgeschichte, welche früher neben der Politischen Geschichte leiderdurchaus vernachlässigt wurde, durch die neuere wissenschaftliche Erkenntnis aber gleichberechtigtneben jene gestellt worden ist, wurde viel Fleiß und Arbeit verwendet. Klemm, Wachsmuth,Kolb, Hellwald und der Verfasser dieses Buches bearbeiteten dieses Gebiet in seinem ganzenZusammenhange von verschiedenen Standpunkten aus. Jakob Burckhard lieferte ein Meisterwerk