478 Sechstes Buch. VIII. Die realen Wissenschaften und die soziale Frage.
nationalökonomische Wissenschaft der sozialen Frage bemächtigt; die Gesinnungsgenossen Schutzes,als Anhänger der die Manchesterschule genannten englischen Freihandelspartei (Max Wirth,Böhmert, Prince-Smith, Mancher, Michaelis) auf der einen und die sogenannten Katheder-sozialisten (Wagner, Brentano, Schmoller, Schäffle) auf der anderen Seite befehdeten sich aufsheftigste. Der Leipziger Professor Wilhelm Röscher begnügte sich damit, das Wissen derVolkswirtschaft ohne Parteinahme in historischer Richtung zu vervollständigen und zu Pflegen,während der Statistiker E. Engel in Berlin die Wissenschaft der Demographie, d. h. derKenntnis aller und jeder Verhältnisse des Volkes schuf.
Indessen war der Sozialismus, samt seinem Bruder, dem Kommunismus, — Lorenzvon Stein, der später Professor der Staatswissenschaften in Wien wurde, verfaßte in dieserZeit seine „Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich seit 1789" — in Deutschland unddurch Deutsche auch praktisch thätig. Karl Marx (1818—1885), als Haupt der internatio-nalen Arbeiterverbindung publizistisch wirkend und wegen seiner maßlosen Angriffe auf dieRegierung des Landes verwiesen, schrieb als Flüchtling im Auslande die „Kritik der politischenÖkonomie" (1859), „das Kapital" (1867) und andere Bücher, in welchen er die kapitalistischeProduktion mit Geist und Gelehrsamkeit, aber einseitig und sophistisch verurteilte; er empfahlan ihrer Stelle ein kommunistisches Produktionssystem, welches indessen jede persönliche Freiheitder Tyrannei einer rohen Masse überliefert. In Deutschland selbst trat Ferdinand Lassalle,der, von französisch-jüdischer Abkunft, 1825 in Breslau geboren worden, ein Mann von großenKenntnissen, aber von leider nicht makellosem Vorleben und von frivolem Charakter, dabei reichund verschwenderisch, mit der Flugschrift „Arbeiterprogramm" (1863) hervor, in welcher erverkündete, daß auf die vorrevolutionäre Herrschaft des Grundbesitzes und die seitherige desKapitals nun diejenige des Arbeiterstandes folgen müsse, welcher die gesamte Menschheit vertrete.Wegen Aufreizung zum Hasse gegen die Besitzenden geriet er mit der Staatsgewalt in Konflikt,wurde jedoch der Abgott der sozialistischen Arbeiter, welche den genossenschaftlichen gegenübereine .starke Partei bildeten und ihnen nicht selten erbitterte Schlachten lieferten. Noch in dem-selben Jahre gelang ihm in Leipzig die Gründung des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins",dessen Präsidium ihm zufiel. Bald aber wurde er einer jedenfalls bedeutenden Zukunft durchein Duell entrissen, in welchem er 1864 bei Genf durch die Kugel seines Nebenbuhlers, ineinem Liebeshandel fiel. Sein Werk aber dauerte fort, durch die Verehrung seiner Persön-lichkeit noch mehr zusammengehalten, als im Leben. In der Folge jedoch wurde Lassallesnationale Richtung durch die internationale der Sozialdemokraten überwuchert. Unter-Liebknecht und Bebet folgten dieselben der Fahne von Marx; durch die Einführung des allge-meinen Stimmrechts sind sie eine überaus stark organisierte Partei geworden, deren Bestrebungenauf Vernichtung von Religion, Staat, Familie, Wissenschaft und Kunst hinzielen, deren schillerndeaber bodenlose Zukunftsträume indes durch die sich immer mehr der Anarchie nähernden Elementeder Partei sicherer vereitelt werden, als durch alle Gegenmaßregeln der bedrohten Gesellschaft.
Infolge der sozialen Bewegung ist auch eine Frauenfrage aufgeworfen worden, d. h. dieFrage, wie der wachsenden Schwierigkeit des Lebensunterhaltes durch selbständige Frauenarbeitabgeholfen werden könne. Zur Lösung derselben sind namentlich in Deutschland echte Menschen-freunde zusammengetreten. In Berlin entstand 1868 durch den Präsidenten des 1845 er-richteten Revisionskolleginms für Angelegenheiten der Landeskultur Wilhelm Adolf Leite (1799bis 1868) der nach ihm benannte Verein, welcher die Ausbildung des weiblichen Geschlechtszu Passender Berufsthätigkeit in die Hand nahm. Ungefähr gleichzeitig bildete sich in Leipzigdurch das Wirken der Schriftstellerin Louise Otto-Peters der „Allgemeine deutsche Frauen-verein", welche beide verheißungsvoll aufblühten. Andere der Sittlichkeit dienende Vereinerichten ihr Augenmerk auf die Unterdrückung der Unsittlichkeit und des zu schlechten Zweckenbetriebenen schändlichen Handels mit Mädchen. Im Post- und Telegraphendienste sind jetztMädchen und Frauen zahlreich beschäftigt. Über die Zulüssigkeit der Frauen zu gelehrtenStudien, namentlich zum ärztlichen Berufe, welche in der Schweiz schon seit dem Jahre 1864gewährt wird, ist Deutschland sich noch nicht schlüssig geworden; die Meinungen darüber sindnoch zu sehr geteilt, obschon bereits mehrere Damen die Heilkunde mit Erfolg ausüben. Dagegen