Sozialismus. Frauenfrage. Presse und Buchhandel. 479
ist irr Berlin von einer Engländerin, Miß Archer, unter dem Schutze der damaligen KronprinzeßVictoria das „Victoria-Lyceum" gegründet worden, an welchem Damen, deren Zahl jetzt übertausend beträgt, durch Fachgelehrte in die höhere wissenschaftliche Bildung eingeführt werden.
An der vielfach verzweigten litterarischen Thätigkeit war die politische Presse, welche inder Zeit von 1849—1867 von 1551 Blättern auf 687, — unter im ganzen 2297 Zeit-schriften — zurückgegangen war, im Jahre 1868 wieder mit 761 Blättern politischen Charakters— von nunmehr im ganzen 2566 regelmäßig periodisch erscheinenden Publikationen — beteiligt.Ebenso hob sich der deutsche Buchhandel aufs neue; im Jahre 1839 zählte derselbe 1382,fünfzig Jahre später aber 7145 Firmen in 1572 Städten; davon bestanden 5405 Buchhand-lungen in 1112 deutschen Plätzen, die übrigen in allen Ländern der Erde. Im Jahre 1564waren in Deutschland 256 gedruckte Werke erschienen; im Jahre 1600: 1059; hundert Jahrespäter, nachdem der dreißigjährige Krieg und das ihm folgende halbe Jahrhundert über Deutsch-land hingezogen, nur 951. Von hier ab trat wieder eine Hebung ein; im Jahre 1764 erschienen1434, im ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts aber schon 3906 Werke. Seitdem hatsich die litterarische Produktion so gehoben, daß im Jahre 1887 nicht weniger als 15 972Bücher gedruckt wurden, worunter die Pädagogik mit über zweitausend, Theologie, Rechts- undStaätswissenschaft, Heilkunde, Sprachen und Unterhaltungswerke mit über tausend, Naturwissen-schaft, Geschichte, Handel und Volksschriften mit mehr als siebenhundert vertreten waren. Dieserbedeutenden, eine große Summe von geistiger und technischer Kraft und einen sehr erheblichenKapitalaufwand darstellenden litterarischen Produktion steht ein verhältnismäßig niedriger Um-satz des Büchermarktes gegenüber. Bei allem tiefgehenden Interesse der Deutschen an ihrerLitteratur und Kunst, trotz der in den meisten Kreisen je nach ihrem Bildungsgrade regen Teil-nahme am geistigen Gesamtleben ist der Deutsche noch nicht in dem Maße, wie die in ähnlicherKnlturhöhe stehenden Nationen der Franzosen und Engländer, zum Käufer seiner litterarischenBedürfnisse geworden. Noch allzu viele begnügen sich damit, die Schöpfungen ihrer Dichterund Schriftsteller, die mühevolle wissenschaftliche Arbeit der Gelehrten in geliehenen Exemplarenzu genießen und zu benutzen. In seltenen Fällen nur gelangt ein Werk, ungeachtet der Rührig-keit des sehr weit entwickelten Buchhandels, zu einer ein hohes Tausend erreichenden Ver-breitungszisfer; wie etwa „Der wilde Jäger", die beste und reizvollste Dichtung von JuliusWolfs, von welcher gegenwärtig das fünfundscchzigste Tausend im Handel ich Bei einer, diezahlreichen Deutschen im Auslande nicht mitrechnenden Bevölkerungsziffer von fünfzig Millionen,ergiebt sich daraus auf achthundert Köpfe nur erst ein Besitzer dieser Dichtung: und sechzehnJahre, denn 1877 erschien die erste Auflage, hat diese köstliche Weidmannsmär gebraucht, umsoweit durchzudringen. Das aber ist die vielleicht beliebteste neuere Dichtung der Deutschen, derenVerbreitung nur durch einige wenige Bücher, so die von Victor Scheffel, übcrtroffen und nur vonebenso wenigen Ausnahmen annähernd erreicht wird. Im allgemeinen bewegt sich die Verbrei-tungsziffer deutscher Bücher in den bescheidenen Grenzen von einigen Tausenden bis herab zuwenigen Hunderten: gelesen und benutzt aber werden sie in einem ums vielfache größeren Um-fange. Nicht mangelnder Sinn scheint diese Thatsache zu erklären, sondern mangelnde Mittel.Deutschland ist epochenweise und auf lange Zeiten verarmt gewesen. Die dringendsten materiellenBedürfnisse zehrten den kargen Erwerb auf; für Bücher war in solcher Lage nur selten Geldvorhanden: man gewöhnte sich ans Leihen. Steigender Wohlstand läßt hoffen, daß in kommen-den Zeiten weitere Kreise für litterarische Neigungen mehr Mittel werden verwenden können.