Zustände vor der Revolution von 1848.
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Bei dieser Zersplitterung der Bewegung konnte der Liberalismus in Deutschland nichtzn der hohen Bedeutung gelangen, welche er in der Schweiz 1830 und 1831 durch denSturz sämtlicher aristokratischer und plntokratischer Kantonsregierungeu erreichte, infolgedessen dieEntfremdung beider Länder noch schärfer wurde, als sie bis dahin gewesen war. Es bliebin Deutschland bei vereinzelten Versuchen, die Dinge anders zu gestalten.
Schon am 6. September 1830 wurde in Braunschweig die Julirevolution der Franzosennachgeahmt und der Herzog Karl, ein seiner Ahnen unwürdiges Abbild der verächtlichstenDespotie des vorigen Jahrhunderts, vertrieben; sein Haus und sogar der Bundestag ge-nehmigten hier das Werk der Revolution. In Süddeutschland feierten im Mai des Jahres1832 gutmeinende, aber unpraktische Schwärmer im Verein mit Franzosen und Polen undeiner großen neugierigen Volksmenge in dem rheinpfälzischen Dorfe Hambach unter der drei-farbigen Fahne ein begeistertes Fest zu „Deutschlands Wiedergeburt". Man deklamierte hieraufs heftigste gegen die Fürsten. Ein Jahr später versuchte in Frankfurt, am Sitze desBundestages, eine Handvoll Studenten, Litteraten und Polen sogar einen Angriff auf die Haupt-wache, welcher jämmerlich scheiterte.
Merkwürdigerweise nahmen die Regierungen diese unschädlichen Kundgebungen, welche inder Bevölkerung keinen Boden besaßen, ernster als den siegreichen Braunschweiger Aufstand.Man verfuhr gegen die verhafteten Urheber beider Ereignisse sowie gegen ihre halben oderganzen Gesinnungsgenossen mit einer Schärfe, welche mit der Verfolgung der Demagogen inden zwanziger Jahren (S. 427) wetteiferte, ja sie noch übertraf. Die Studentenverbindungenwurden unterdrückt, bestanden aber im geheimen fort. Auf Angeberei und Verrat wurdenPreise und Belohnungen gesetzt; freisinnige Lehrer und Beamte wurden ihrer Stellen beraubt,schuldlose Männer eingekerkert. Viele Burschenschafter und Liberale flohen nach der Schweiz,nach Frankreich, England oder Amerika. Die Preßfreiheit wurde beschränkt und das frei-sinnige badische Preßgesetz vom Bundestage aufgehoben; ja in Preußen, Österreich und vielenanderen Staaten kam sogar die Censur zur Einführung, die sich nicht selten durch gänzlicheUnwissenheit der Censoren lächerlich machte.
Metternich bewirkte (1834) die Beschlüsse einer neuen geheimen Wiener Miuisterkonferenz,welche sich die Befugnisse des Bundestages anmaßte und die Regierungen geradezu verpflichtete,die Rechte der Stände und die Verfassungen nicht zu beachten, sowie die Presse und dieUniversitäten zu lähmen. Wie die Bnndesstaaten dem Gebote Österreichs, so folgten diesesund Preußen den Winken Rußlands.
Fast in ganz Deutschland wurde die Regierungssorm eine despotische; alle konstitutionellenEinrichtungen wurden mißachtet. In Hannover wurde die Freude über die endlich erlangteUnabhängigkeit von England (1837) durch den sofortigen Verfassungsbruch des ersten KönigsErnst August bitter vergällt; nur die berühmten sieben Göttinger Professoren, die BrüderGrimm, Dahlmann, Gerviuus„ Ewald, Weber und Albrecht, wagten es, am Eide auf die Ver-fassung festzuhalten. Sie büßten ihre Stellen dafür ein. Eine neue sogenannte Verfassung vomJahre 1840 machte den Absolutismus eines Königs aus britischem Hause zum Staatsgesetze.In Hessen-Kassel verband sich die Gewaltherrschaft einerseits mit den fürstlichen Haus-skandalen und anderseits mit dem Pietismus; der Minister Hasseupflng stempelte seinenNamen für immer zn einem „Hessenfluch". In Nassau nahm Herzog Adolf das Staats-eigentum als ihm gehörig in Anspruch; er setzte die Kammern ganz nach Belieben zusammen,um in ihnen gefügige Werkzeuge seiner Willkür zu haben. In Baiern, wo seit dem Jahre1825 König Ludwig I., nachdem er als Kronprinz ein Verfechter des Deutschtums gegenüberseinem franzosenfreundlichen Vater gewesen, seine absolutistischen nud klerikalen Neigungen unterdem Deckmantel eines mäcenatenhaften Wirkens für die Kunst, glänzende Verschönerung seinerHauptstadt und für dichterische Thätigkeit verhüllte, — unterdrückte der ultramontane Minister-präsident Abel die Preßfreiheit vollständig. Die Mystik Görres' und die Jesuiten wurdenbegünstigt und die Klöster vermehrt; die Protestanten unter den Soldaten mußten vor derMonstranz auf die Kniee fällen, angebliche Majestätsbeleidiger vor dem Bilde des KönigsAbbitte leisten; der Gustav-Adolf-Verein wurde verboten. In Österreich regierte, auf noch
Deutsch- Kulturgeschichte. II. 31