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Zweiter Band.
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482 Sechstes Buch. IX. Die Wiederherstellung des Deutschen Reiches.

schroffere Weise als im Bunde, Fürst Metternich für den geistig unfähigen Kaiser Ferdinand I.In Tirol wurden die protestantischen Zillerthaler bedrückt, bis sie nach preußisch Schlesien aus-wanderten; das schöne Land wurde von neuem den Jesuiten überlassen.

Was aber waren die Folgen eines solchen Unterdrückungssystems? Durchaus nicht die,welche dessen Träger erwarteten! Gegenüber einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von denRegierungen abhängiger Leute war die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung an allen Ortenoppositionell gesinnt. Die unabhängigen Konservativen wurden liberal, die Liberalen radikaloder sie begünstigten wenigstens die Presse und Litteratur dieser Richtung, welche die einzigewar, die jetzt auf Absatz in weiten Kreisen rechnen konnte. So sehr die Völker an der Personder Fürsten hingen, so tief verabscheuten sie die leitenden Staatsmänner, welche die Regierungder Landesherren verhaßt machten. Die niederen Beamten dagegen, welche vielfach mit demVolke fühlten, aber durch ihre ärmlichen Gehalte an den Siegeswagen der Reaktion gefesseltwaren, bildeten ein harmloses Proletariat, dessen Verhältnisse die Opposition in teilnehmenderund einschneidender Weise öffentlich besprach: sie waren ein Gegenstand entweder der Verachtung,der Satire oder des Mitleids. Der allgemeine Druck war derart, daß eine dumpfe Ver-zweiflung an jeder Besserung der Zustände sich der Gemüter bemächtigte.

Die Auswanderung nach fernen Landen, namentlich nach der amerikanischen Union(S. 438 f.), nahm eine riesige Ausdehnung an. Schon im Jahre 1817 waren allein sechzehnTausend Württemberger ausgewandert. In den Jahren 1815 bis 1830 betrug die Zahl derein neues Vaterland im fernen Westen suchenden Deutschen durchschnittlich zwölf Tausend; von1830 bis 1845 aber jährlich vierzig Tausend und in den nächsten sechs Jahren darauf jährlichhundert Tausend; 1852 und 1853 waren es je einhundertundsechzig Tausend und 1854 garüber eine Viertelmilliou. Nachher nahm die Zahl wieder ab, ging indes noch 1871 überhundert Tausend hinaus. Dann stieg sie 1881 auf 220902, fiel aber 1889 auf 90332 Aus-wanderer/von denen sich nur 4655 nach Mittel- und Südamerika, 496 nach Australien, 422nach Afrika und 262 nach Asien wandten, die übrigen sämtlich nach Nordamerika. Seit 1832hat die Gesamtzähl der deutschen Auswanderer über zwei und eine halbe Million betragen.Unendlich viel ist in den Vereinigten Staaten für den Anbau des Landes und die Hebung derGewerbe, für geistige Bildung und namentlich für die Abschaffung der Sklaverei durch diedeutschen Einwanderer gewirkt worden; nach und nach haben sie sich auch die Achtung erkämpft,die ihnen anfangs dort versagt ward (S. 439), die aber namentlich nach den deutschen Siegender neuesten Zeit gestiegen ist.

Wer nicht auswandern konnte noch mochte, wandte sich mit Überdruß von den öffentlichenZuständen ab und seinen Geschäften oder der Wissenschaft und der Litteratur zu. Gerade dasaber war der Weg, um neues Interesse an den allgemeinen Verhältnissen und sogar wieder Lustzur Beteiligung an politischen Dingen zu gewinnen. Denn wenngleich auch die Natur- undSprachwissenschaften sich in dem Kampfe, den politische Grundsätze um die Herrschaft fochten,neutral verhielten, wenngleich die Geschichte sich von der Gegenwart abkehrte und in vergangeneZeiten zurückführte, so lag doch in den historischen Forschungen immerhin eine Anregung zurvergleichenden Betrachtung früherer und neuerer Zustände. Noch mehr aber boten die Rechts-,Staats- und Religionswissenschaft Anlaß zum Abwägen der Gegensätze, und die Dichtung liehdas Wort zum Ausdruck der Empörung gegen die unerträgliche Gewaltherrschaft (S. 451).

Mit der Gründung des Zollvereins (S. 476) war indessen ein Weg zum Heil desVaterlandes bcschritten. Obschon durch jene ganze Zeit hindurch Preußen in politischer Be-ziehung noch auf der Bahn der Reaktion verharrte, so war doch leicht vorauszusehen, daß derdeutsche Staat, welcher es dahin gebracht hatte, daß im Inneren Deutschlands die gehässigenZollschranken fielen, daß der demoralisierende Schmuggel ins Herz getroffen wurde und derVerkehr sich frei entfalten konnte, zu einer großen Aufgabe bestimmt war: zu der Aufgabenämlich, die Idee der Einheit Deutschlands ihrer Verwirklichung eutgegenzuführen.

Die Hoffnung auf bessere Zeiten in dieser Richtung begann denn auch aufzudämmern, als1840 der streng absolutistische König Friedrich Wilhelm III. starb und sein ältester SohnFriedrich Wilhelm IV. ihm auf dem Throne folgte. Das geistreiche, hochgebildete, rede-