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Sechstes Buch. IX. Die Wiederherstellung des Deutschen Reiches.
Österreich und ihre Abneigung gegen Preußen; anderseits das Mißtrauen der preußischen Fort-schrittspartei gegen die Regierung, welcher sie, als Mehrheit der Volksvertretung, alle Mittelzur Erhöhung der Wehrkraft verweigerte. Die konservative Partei stand dem Gedanken derEinigung Deutschlands überhaupt ablehnend gegenüber.
In diesem Dilemma bereitete sich eine Lösung vor, als der bereits seit Jahren geistes-nmnachtete Friedrich Wilhelm IV. 1861 starb und sein bis dahin als Regent an der Spitze desStaates stehender Bruder Wilhelm I. den preußischen Thron bestieg. Nachdem dann der demdeutschen Volke in seinem tiefen und wahren Werte noch wenig bekannte Monarch im Jahre1862 den Herrn Otto von Bismarck-Schönhausen an die Spitze des Ministeriums berufenhatte, war der Mann gefunden, der sowohl den inneren preußischen Konflikt, als die schwierigeFrage der Einheit Deutschlands zu lösen wußte. Der große Staatsmann begann seine Lauf-bahn mit Einführung der deutschen Sprache in den diplomatischen Dienst an Stelle der bisdahin herrschenden französischen. Der politischen Geschichte ist die Schilderung der drei Kriegezu überlassen, durch welche die Gewalt der geschichtlichen Entwickelung und als ihr Organ derGraf, später Fürst Bismarck ein neues Deutschland geschaffen hat. Durch den ersten dieserKriege (1864) wurden die „meernmschlnngenen, stammverwandten" Herzogtümer im äußerstenNorden deutschen Landes von der dänischen Fremdherrschaft befreit. Im zweiten (1866) istder unhaltbare Dualismus in dem altersmorschen „deutschen Bunde" gebrochen und statt jenerunheilvollen Doppelherrschaft ein festes und treues Bündnis zweier gleich starken Reiche vor-bereitet, seither auch abgeschlossen worden. Der dritte Krieg endlich, von dem französischenImperator und seinem Anhange 1870 Deutschland aufgezwnngen, fand zu hohem Glück eine inpatriotischer Begeisterung geeinigte, die Antipathien zwischen Nord und Süd von sich werfendedeutsche Nation vor. Dieser Krieg hat das französische Kaiserreich von dem Gipfel seines Eigen-dünkels und seiner Anmaßung herabgestürzt, hat den Rhein wieder zum völlig deutschen Stromegemacht, wie er es von den Karolingern an bis zum westfälischen Frieden war, und hat einneues deutsches Reich geschaffen, dessen Spitze der Staat einnahm, dem sie nach Machtund Verdiensten gebührte.
Diese an das Wunderbare grenzenden Erfolge hat ein Heer errungen, welches in seltenerTüchtigkeit und Kraft vom preußischen zum norddeutschen und endlich zum deutschen Volk inWaffen sich erweiterte, und das unter der Leitung des Schlachtendenkers Moltkc und seinesglänzenden Stabes genialer Heerführer nicht nur Krieg führte, sondern auch Frieden schuf.
Nicht aber dem Heere allein sind diese Erfolge zu verdanken, sondern ebenso sehr demweitblickenden Geist und der großartigen Staatskunst des Reichskanzlers, Fürsten Bismarck,der es meisterlich verstanden hat, Deutschland nicht nur zu einer großen und geachteten Machtzu erheben, sondern ihm auch jahrzehntelang den Frieden zu erhalten, und dabei auch demDränge des deutschen Volkes nach Einheit und Freiheit in vielen Stücken entgegenzukommen.Seine Wirksamkeit wäre jedoch nicht möglich gewesen ohne einen hochherzigen, an Haupt undHerz ehrwürdigen Kaiser und König, welcher dein Zuge der Zeit ein inniges Verständnis ent-gegenbrachte, daher auch eine seltene Verehrung geerntet hat. Das Jahr 1888 raffte dengroßen Kaiser dahin. Nach neunzig Tagen schon wurde auch sein Thronerbe durch eine tückischeKrankheit dem Vaterlande, das mit inniger Liebe und hohem Vertrauen auf ihn blickte, allzu-früh entrissen.
Mit Kaiser Wilhelm II. stieg eine neue Zeit herauf. In dem kräftigen und gerechtenSohne und Enkel voir Heldenkaisern ist dem Reiche ein Haupt geworden, das im Vereinemit den vaterländisch gesinnten Elementen alle Gewähr weiterer blühender EntwickelungDeutschlands bietet. In fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens weht ein neuer Geist;auf jedem Felde nationaler Kultur sprossen vielverheißend neue Keime. Möchte es ihnennicht an der Luft vernünftiger Freiheit, — nicht an der beglückenden Sonne des Friedensfehlen!
Das neue Deutsche Reich besitzt eine Verfassung, welche unter allen Monarchien der Weltdas ausgedehnteste Wahlrecht zur Bildung der Volksvertretung gewährt. Es hat ein Reichs-