Band 
Zweiter Band.
Seite
489
JPEG-Download
 

Der nationale Aufschwang. Tas Neue Reich.

489

bürgerrecht geschaffen, das jeden: Teutschen in jedem Bundesstaate dieselben Rechte giebt.Gegen außen hat das Reich eine Achtung errungen, wie sie in der deutschen Geschichte nievorher bestand, und jeder Deutsche im Auslande kann ruhig auf den Schutz seines Vaterlandeszählen. Durch die seit dem Jahre 1885 erworbenen Kolonien, so sehr deren Wert vielfachverkannt wird, stärkt das Reich sein Ansehen bei den fremden Mächten in bedeutendem Grade.Gemeinsame Gesetzbücher und Gesetze sind geschaffen worden; so das Strafgesetzbuch, das Reichs-preßgesetz, das Reichsbankgesetz, das deutsche Handelsgesetzbuch, das Reichspatentgesetz, diedeutsche Gewerbeordnung, die Rcichsgesetzc über Krankenversicherung der Arbeiter, über Unfall-versicherung, über Jnvaliditäts- und Altersversicherung; endlich eine Reihe von Gesetzen, welchedas Recht der Urheberschaft von Gcistesschöpfnngen in den Gebieten der Kunst, Litteratur undWissenschaft, sowie des Gewerbcfleißes als unverletzlich gewährleisten. Sie offenbaren eineArbeitslust und Arbeitskraft, wie sie selten in so kurzer Zeit ein Staat bewiesen hat. Einbürgerliches Gesetzbuch ist in der Ausarbeitung begriffen und wird diese Riesenarbeit im Ge-biete des Rechts krönen. Durch ein gemeinsames Munzwesen, Mas; und Gewicht ist die frühereunzuträgliche Bnntscheckigkeit im Verkehrsleben beseitigt worden. Die Posten und Telegraphensind bis auf diejenigen von zwei Mittelstaaten in den Händen des Reiches vereinigt. DasReichshcer hat eine gemeinsame Organisation; die Reichsflotte gehört dem Reich allein undkeinem Einzelstaate an. Auch schädliche Einrichtungen sind aufgehoben worden, so namentlichschon seit 1872 die früheren Spielhöllen in Badeorten des Rheingebietes.

So ist denn die Einheit Deutschlands an schönem Ziele angelangt. Die Mängcl desKleinstaatenwesens sind in der Hauptsache beseitigt und nicht mehr fühlbar. Ein Recht undeinerlei Verkehrsmittel herrschen im Deutschen Reiche, und durch die deutsche Schule undWissenschaft ist dafür gesorgt, daß das neue Reichsland Elsaß-Lothringen wenigstens ineiner neuen Generation wieder deutsch fühlen lerne. Auch unter den ausgewanderten Deutschenjenseit der Oceane ist das Nationalgefühl stärker geworden als früher; es wird sich dort nochweiter festigen. Die nicht mit den: Reiche vereinten, durch die geschichtliche Entwickelung auseigene Wege angewiesenen deutschen Nachbaren und Sprachgenossen in Österreich und derSchweiz können durch rege Bethätigung an deutscher Wissenschaft, Dichtung und Kunst, durchwarmen Sinn für deutsches Geistesleben, durch aufrichtige Freundschaft gegen ihre Stammes-brüder im Reiche, wie durch die treue Pflege und Bewahrung der Denkmale ihres eigenendeutschen Volkstnms an unserer nationalen Weiterbildung mit inniger Freude teilnehmen. Denin Ungarn und Rußland bedrückten und in den slawischen Gegenden Österreichs verfolgten oderhintangesetzten Deutschen, sowie unseren in Belgien um ihr Dasein kämpfenden flämischenBrüdcrn aber bleibt die Hoffnung auf die Zukunft, in welcher ihre Fesseln fallen werde::.Bildet doch das deutsche Sprachgebiet, weit über die diplomatischen Grenzen hinaus, eine Ein-heit in Wissenschaft, Litteratur und alter Sitte wie kein anderes; stellt es doch eine geistigeMacht dar, mit der gerechnet werden muß!

Dennoch bleibt auch im neuen Reiche noch manches zu wünschen — ist ja nichts Mensch-liches vollkommen. In gesellschaftlicher und rechtlicher Beziehung lebt die Bevölkerung desDeutschen Reiches so frei wie in irgend einen: konstitutionell-monarchischen Staate und freier alsin mancher Republik. Aber wenn auch ein Parlamentarismus wie in den Staaten von Süd-und Westeuropa, in denen oft genug die allgemeine Wohlfahrt dem Parteiinteresse aufgeopfertwird, Deutschland besser fremd bleibt, so fehlt doch noch manches, was allein den Namenwahrer Freiheit verdient. Bon der Zukunft ist sowohl hierin eine Vervollkommnung zu hoffen,wie auch in den: richtigen Maße des Nationalbewußtseins. Die Deutschen sind ein friedlichesVolk, und ihr jugendstarkcr Kaiser treibt ohne Unterlaß das Werk der Versöhnung. EineNachahmung des französischen Chauvinismus ist nimmer deutsche Art und wäre so wenig derrechte Weg, als es die fortgesetzte Aufnahme der mehr als zweifelhaften Romane undKomödien des revanchesüchtigen Nachbarvolkes ist. Nur unter gerechter Würdigung der gutenCharakterseiten und der tüchtigen Leistungen aller Nationen kann die unentwegte Hochhaltungund Wertschätzung unserer eigenen Horte des Wissens und Fühlens uns zum Heile führen.