204
Es lebt ein Jahr lang in Gemeinschaft mit dm be-rühmten Männern Roms, deren Geschichte un) Ver-herrlichung von dem guten Herrn Lhomond dem Titus Liviusentnommen sind. Dort schöpft der junge Mann die Bewun-derung für Brutus, Mutius Scävola und die wildm Ver-theidiger der römischen Freiheit; er geht über zu CirneliusNepos und zum Leben der großen Männer Griechen-lands; dann steigt er zur Selecta auf, in der hm dieheidnische Gesellschaft als eine Gesellschaft von Heligendargestellt wird; dort erfährt er, daß es nicht nothwendig ist,ein Christ zu sein, um ein Heiliger zu sein, denn auch derPaganismus hatte eine so treffliche Moral und brachte sie zueiner so herrlichen Anwendung; weiter muß er, ich weiß nichtwie viele Zeit, auf die Uebersetzuug abgeschmackter Erzählungenaus Quintus Curtius und Cäsar oder fader poetischer Schil-derungen aus Ovid und Virgil verwenden. Er lernt ausPlutarch die Gesinnungen des antike» Republikanis-mus kennen und schöpft aus ihm einen absurden Enthusiasmusfür die falsche Freiheit und die falsche Demokratie; Lucianwird für ihn die Quelle des Skepticismus, Cicero desEclecticismus-, Horaz des Sensualismus; er bleibtacht Jahre lang im beständigen Verkehr mit Schriftstellern,die vor dem Christenthums ihre Bücher abgefaßt haben. Ereignet sich mit vieler Mühe ihre Ideen, Gesinnungen, An-schauungs-, Beurtheilungs- und Handlungsweise an, undasstmilirt sich mit ihnen. Ist das nicht heute noch wie imachtzehnten Jahrhunderte die Art und Weise, wie man seineStudien macht?
Die großen Männer, die Redner, die Dichter, die Mär-tyrer, die von der Religion geschaffenen Helden, die Koryphäender Nation, der Literatur, der Künste, der Institutionen undSitten der christlichen Völker, alle diese müssen den heidnischenStudien Platz machen: nur von ihnen spricht man im Ge-schichtsunterrichte, dem die jungen Leute ein oder zwei Mal