Band 
[2. Band.]
Seite
285
JPEG-Download
 

Thränen gebadet, nicht ohne den Beistand einer Ordensfrau,die sie an den heiligen Tisch geleitet, vor den Altar zu tretenvermag.

Dieser lebendige Eindruck frommer Andacht folgt ihr auchaußer dem Kloster nach. In ihre Familie zurückgekehrt, liestste gerne in der Philothea des heiligen Franciscus vonSales und das Manuale des heiligen Augustinus. Mit denfrommen Studien verbindet sie wissenschaftliche und historischeLectüre. Rollin, Crevier, der P. d'Orleans, Vertot, P. Catrou,die Erklärer und Bewunderer der Alten, beleben wiederum diedurch Plutarch in ihre Seele eingesenkten republikanischen Ge-sinnungen. Sie begeistert sich stets mehr und mehr für dieRepubliken, wo sie mehr ihrer Bewunderung würdige Tugen-den antrifft. Seufzend fragt sie sich, warum sie nicht imSchooße derselben geboren worden, und bildet sich ein, nurdort habe sie einen Mann, der würdig sei, sich mit ihr zu ver-binden, finden können.

„Ungefähr im Alter von sechszehn Jahren kam ich nachVersailles, um den Hof zu sehen. Meine Mutter fragte mich,ob ich mit meiner Reise zufrieden sei... »Ja,« gab ich ihrzur Antwort, »allein unter der Bedingung, daß ste bald zuEnde ist. Noch wenige Tage, und ich werde die Leute, dieich sehe, so gründlich verabscheuen, daß ich nicht weiß, was ichin meinem Haffe beginnen soll.« — »Was thun ste dir aberzu Leide?« — »Sie lassen mich die Ungerechtigkeitfühlen und jeden Augenblick die Albernheit be-schauen.«

„Ich seufzte bei dem Gedanken an Athen, wo ichdie schönen Künste ebenso bewundert haben würde, ohnedurch das Schauspiel des Despotismus schmerzlich be-rührt zu werden; b) mein Geist lebte in Griechenland;

t) Denkwürdigkeiten der Madame Roland, B. I. S. 42 — 43.

2) Ebendas. S. 119.

3) In Athen herrschte die härteste Sklaverei und folglich auch der gram