Band 
[2. Band.]
Seite
71
JPEG-Download
 

71

eine der gefährlichsten Krankheiten des Menschengeistes undeine Hauptursache des Unglückes der Welt, gerichtetes Stück.Besonders in den Staaten, wo eine ausschließliche undintolerante Religion herrscht, hat diese Krankheit die meistenVerheerungen angerichtet. Mahomed muß deßhalb als einwahrhafter den Völkern erwiesener Dienst, alseine Wohlthat gegen die Menschheit betrachtet werden.

„Wenn es dem Verfasser erlaubt gewesen wäre, so würdeer seinen Gegenstand in unserer eigenen Geschichtegewählt und diese ihm leider eine nur zu bedeutendeAnzahl geliefert haben. Allein in der Knechtschaft, in welcherder Despotismus alle Künste gefesselt hielt, war der Verfassergenöthigt, sich den Anschein zu geben, als weiche ervon seinem Zwecke ab, gerade um denselben zuerreichen.

„Trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln und mancher Mühe,die sich der Verfasser gab, um seinen Gang zu verschleiern,entging er dennoch der Verfolgung nicht. Kaum nach derersten Darstellung ward sein Stück als scandalös und gottlosdenuncirt."

Mit einem seiner ganz würdigen Kunstgriff sendet Vol-taire, um der Verfolgung zu entrinnen, seine Tragödie anPapst Benedikt XIV. mit einem ehrerbietig-kindlichen Briefe.Der Papst, der in einer Entfernung von vierhundert Stundendie treulosen Absichten Voltaire's nicht kennen konnte, wie mansie in Frankreich kannte, sieht in dem Stück nur den Tadeldes Mahomedanismus und antwortet Voltaire in einem höchstverbindlichen Schreiben. Selbstverständlich weiß Letzterer das-selbe sehr geschickt zu benutzen. Gleichzeitig schreibt er anden König von Preußen, um ihm seinen geheimsten Ge-danken zu verrathen. In seinem von Rotterdam, 20. Januar1742 datirten Briefe schreibt er an Friedrich, dem er denMahomed widmet: „Ew. Majestät wissen, welcher Geist mich

1) Vorrede zu Mahomed, S. 1. Ausg. v. 1792.