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der Flasche, die Frauen in Eeklatsch und Zwischenträgern ihreUnterhaltung suchen. 'Ader bei weitem überwogen werden dieseNachtheile durch den grosser» Gewinn für die Äugend, die schonim zartern Alter Freundschaften, auf Aehnlichkeit der Charaktere,Neigungen und Verhältnisse gegründet, stiftet, welche gewöhnlichfür das ganze Leben hindurch befestigt und ausgebildet werden undoft erst durch den Tod sich auflösen. Mancher Jüngling, der ohnediese Äugendgefellschaften durch Absonderung leicht auf Abwegegerathen könnte, wird durch dieselben auf der geraden Bahn er-halten; manche rühmliche, aber schlummernde Neigung wird durchdas Beispiel geweckt und durch Nacheiferung gefördert, und eineoft für das ganze Leben wohlthätige Richtung erzielt, die sonstleicht verfehlt worden wäre; auch darf als ausgemacht angesehenwerden, dass eS insbesondere diese Gespiclschaften sind, welche dieKeime der, Zürich so sehr auszeichnenden Wohlthätigkeit mit zartemSinne nähren und pflegen. Wenn dann zuweilen mit den Jahrendie Verhältnisse sich ändern, so findet der Erwachsene doch in Glückund Unglück meistens in seinen Zugendgespielen die zuverlässigstenFreunde, Rather und Helfer, eine Erwerbung, die in späternZähren so selten gemacht werden kann. Zn diesen Gesellschaftenherrscht auch gewöhnlich ein trauliches Familienverhältniss; dagegenmachen sie weit weniger Ansprüche, als die glänzenden Vereini-gungen, wie sie in den gemischten Gesellschaften anderer Städteangetroffen werden. Zu den wohlhabender» Häusern fedoch findenauch solche Statt, und der wohlerzogene Fremde, der ein Maleingeführt ist, wird sich nur ehrenvoller Behandlung und Aus-zeichnung zu erfreuen haben, und leicht seine Bekanntschaften er-weitern, während er in lencn geschlossenen Eirkeln nur dann gernegesehen wird, wenn er seine Persönlichkeit anspruchslos der her-gebrachten Uebung anzupassen weiß, und die ihm zukommende Stel-lung nicht überschreitet. Aus Nichtachtung dieser Regel und ausUnkenntniss der bürgerlichen Verhältnisse sind die vielen schiefenUrtheile entsprungen, die bis in die neuesten Zeiten über diegesellschaftlichen Zustände Zürich's, freilich häufig auch von ganzincompetcntcn Stimmen, gefällt wurden, und sonach lässt sich er-warten, dass ein gründlicher und anspruchsloser Beobachter einweit günstigeres Votum über die geselligen Tugenden der Züricherabgeben werde, als bis dahin geschehen ist.
Leichten Zutritt findet der Fremde in dem zahlreichen Männer