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Erster Band, zweite Abteilung. Euxistratos - Hysiris.
Seite
1699-1700
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1699 Gorgones (Deutung)

dafs sich alle älteren Vorstellungen von denGorgonen direkt auf die Anschauung der Ge-witterwolke (vgl. Aigis, Athene u. Graiai)zurückführen lassen. So erklärt sich der Wohn-sitz der Gorgonen im äufsersten Westen undihre Abstammung von Meergottheiten einfachaus der Thatsache, dafs für Griechenland sämt-liche Gewitter aus dem westlichen Meere auf-steigen (die Belege hierfür wie für die folgen-den Deutungen s. b. Roscher a. a. 0.). Wieferner die Sturm- und Gewitterwolken ge-radezu als himmlische Ungeheuer, Blitz undDonner als Manifestationen der äufsersten Wutund Kraft aufgefafst wurden, so stattete manauch die Gorgonen, deren eine ΑΌβνώ,άίβ Kraft-volle, hiefs, mit den Gebärden der äufserstenWut und den Symbolen der entsetzlichstenFurchtbarkeit, mit herausgestreckter Zunge,fletschenden Zähnen, breitgedrückter Nase undaus dem Kopfe hervorquellenden Augen aus.Wenn es vom Blitze heifst, dafs sein Anblickerstarren mache, vom Donner, dafs sein Schallbetäube (vgl. Ausdrücke wie εμβρόντητος, atto-nitus ,i fulmine consternatus, βροντή πηροϋο&αι),so entspricht das auf das deutlichste dem My-thus von der versteinernden d. i. erstarrenmachenden Wirkung des Anblicks der Gorgo ;denn wie aus den Redensarten λι&ίνως βλέ-πειν, λί&ον γίγνεα&αι, lapidem stare u. s. w.erhellt, bezeichnete man ganz allgemein denhöchsten Grad der Erstarrung vor Schreck undder Betäubung als ein Versteinert werden.

Wie das deutsche WortBlitznach Grimmursprünglich einen feurigen Blick (vgl. auchunserSilberblick) bezeichnet, so fafstenauch die Griechen den Blitz vielfach als denleuchtenden Blick entweder der über Blitzund Donner gebietenden Götter Zeus undAthene oder eines entsetzlichen Ungeheuersauf. Aus keinem anderen Grunde wurden dieschrecklichen Augen und der furchtbare Blickder Gorgo ( Γοργούς όμματα Ilias Θ 349, Γοργώβλοανρωπις, δεινόν δερχομένη II. Λ 36) schonvon Homer besonders hervorgehoben. Nament-lich galt der wütende Blick der Schlangenoder Drachen für furchtbar, ihre Augen schienenFlammen oder Blitze zu sprühen, wie dennüberhaupt den Augen wuterregter Menschenoder Tiere ein Blitzen (αοτράπτειν, fulminare)zugeschrieben wird; daher wurden Typhoeus,der Repräsentant des oft von gewitterartigenErscheinungen begleiteten Wirbelsturmes, unddie Gorgonen schlangenhaarig und die Aigis,ein anderes Symbol der Gewitterwolke, mitSchlangen umsäumt gedacht. Jedenfalls hatzu dieser Vorstellung schlangenhaariger Ge-witterdämonen auch die Ähnlichkeitsichschlängelnder Blitze (έ'ΐίκεί, έλικίαι) mit derGestalt und Bewegung der Schlangen (έλικτόςδράκων) mit beigetragen, wie ja überhauptden mythischen Vergleichen oft mehrere Tertiacomparationis zu gründe liegen. Wenn fernervon ehernen Armen und Locken der Gorgo die Rede ist, so dürfte sich diese Anschauungteils aus dem blitzähnlichen Glanze desblanken Erzes, teils aus der dem Blitz undDonner zugeschriebenen ungeheueren Krafterklären (vgl. Ausdrücke wie χαλκός ήατραπτε;

Gorgones (Deutung) 1700

χαλκός άατεροπή εναλίγκιος έλαμπε II. Ν 242 ff·πας δ αρα χαλκά λάμφ ως τε ΰτεροπή πατροςΔιός αίγιόχοιο II. Λ 65). Die Schweins-hauer der Gorgonen erklären sich aus dembesonders in der indischen und römischenPoesie häufig vorkommenden Vergleiche desBlitzes mit einem Eberzahn (Belege beiRoscher a. a. 0. 69 f.).

Aufserordentlich weit verbreitet ist die Auf-fassung des Donners als Stimme einer Gott-heit oder eines himmlischen Ungeheuers.Dem entspricht es, wenn in mehreren überein-stimmenden Überlieferungen von dem entsetz-lichen Gebrüll der beiden Gorgonenschwe-stern bei dem Tode der Medusa die Rede ist.Auch der Name Γοργόνες scheint sich auf Ge-brüll und Geschrei zu beziehen, da er wahr-scheinlich von der Wurzel gargar brüllen,schreien abzuleiten ist. Die von Aischylos jedenfalls auf Grund älterer Tradition bezeugteschwarze Gewandung der Gorgonen ( Choeph .1049 φαιοχίτωνες) erklärt sich dagegen ein-fach aus dem pechschwarzen Aussehen derGewitterwolken (vgl. II. Δ 277: νέφος με-λάντερον ήΰτε πίσοα, νεφέλη μέλαινα, νεφέληκνανέη, νέφος έρεβεννόν u. s. w.). Wie Blitz,Donner und Wetterwolken dachte man sichauch die Gorgonen beflügelt (vgl. κεραυνοίποτέοντ o lies. Theog. 690, Λ ιός πτερωτός βροντήSoph. Oed. Col. *460, fulmen volat u. s. w.).

Auch die eigentümliche stete Enface-Dar-stellung der Gorgonen als Rundgesichter inder älteren Zeit der bildenden Kunst (vgl. untenS. 1713) sowie ihre Dreizahl läfst sich leichtauf ihre ursprüngliche Bedeutung als Gewitter-dämonen zurückführen, wenn man bedenkt,dafs die furchtbarsten Wetterwolken meist einerundliche Gestalt haben ('Ochsenaugen, lat,globi) , und dafs die Alten eine Dreizahl derhauptsächlichsten Gewittererscheinungen (κε-ραυνός, άοτραπή, βροντή) annahmen. DieselbenVorstellungen lassen sich auch bei anderen offen-baren Gewitterwesen, z. B. bei den 3 Gewitter-kyklopen des Hesiod, bei Geryoneus (s. d.) undbei den nordischen Gewitterdämonen, deren Er-scheinung oft mit Kugeln oder Knäueln ver-glichen wird, nachweisen. Die Darstellung desGorgoneions als eines rümpf losen runden Ge-sichtes oder Kopfes erinnert an den deutschenAusdruckGewitterkopf und an die Auf-fassung der Gewitterwolken als Gesichtervon Giganten bei Lucrez (4, 136).

Da der Blitz nach antiker Auffassung dieWolke spaltet oder durchschneidet oderdurchbricht, (ρηγννναι, οχιαμός, frangeWtrumpere, perscindere, secare u. s. w.) und ausderselben hervorspringt (έκπηδάν, exsilire,prosilire) oder aus der schwangeren Wolke(gravida nubes, tempestas, κοιλας νεφέλη, κοιλιάτου νέφους) geboren zu werden scheint ( nasci ),so entstand inVerbindungmit der schon bespro-chenen Vorstellung der runden Wolke als einesrumpflosen Hauptes der Mythus von der Erleg-ung der schwangeren Gorgo durch Abschneidendes Hauptes und von der Geburt des Chrysaor undPegasos. Wenn Perseus und Athene in diesernMythus als Töter der Gorgo auftreten, so erinnertdies unverkennbar an die fast bei allen indoger-