Band 
Erster Band, zweite Abteilung. Euxistratos - Hysiris.
Seite
1703-1704
JPEG-Download
 

1703 Gorgoneion (in d. Kunst b. Homer )

Napol. pl. 59, 5; die hasenköpfige Gestalt, dieMilchhöfer, Arch. Ztg. 1882 (39) S. 286 für denzu Phobos gehörigen Deimos erklärte, geht, wieich hier nicht näher nachweisen hann, auf einennordsyrischen (hittitischen) Typus zurück, vgl.den Cylinder b. Lajard, Mithra pl. 29, 1).Durch den Nachweis der späteren Entstehungvon A 36 u. 37 fällt natürlich auch die Vermutungvon Six, de Gorgone p. 94, das Gorgoneion seiaus Cypern zu den Griechen gekommen, weilder Panzer des Agamemnon in der Schilderungjener Rüstung als Geschenk des kyprischenKönigs erscheint. Die andere Stelle derIlias , die wo das Gorgoneion auf der Aigisder Athene vorkommt, E 741, erregt ebenfallsBedenken. Mir scheint sie von demselben ge-dichtet, der jene Verse in A einlegte. Schonder ähnliche Gebrauch von sazscpavcozai. weistdarauf; dann die Häufung der Personifikationenohne jede Andeutung des Wie und Wo*), auchist es auffällig, dafs das Gorgoneion Aioszeqag heifst. Ich vermute, dafs auf 738 ur-sprünglich gleich 742 Ssivrjv zs egeqSvriv ze. . .folgte**). Die Verbindung von Aigis und Gor-goneion, die zwei. verschiedene Symbole füreinen im wesentlichen gleichen Grundbegriffsind, kann schon deshalb nicht in sehr hoheZeit hinaufgehen. Noch sicherer wird dies da-durch, dafs die älteste Kunst diese Verbindunggar nicht zu kennen scheint (vgl. auch Six,de Gorgone p. 79) und dieselbe jedenfalls nursehr langsam Eingang in die Kunst fand. JeneVerse sind gewifs nicht älter als das 7. Jahr-hundert; 741 ist aus l 634 entlehnt. An dieserletzteren Stelle ist roqysizj Keepa\r\ als einfurchtbares Gespenst genannt, das Persephone schicken kann; es handelt sich hier um einerein mythische Vorstellung,' und eine plastischeDarstellung braucht dem Dichter noch keines-wegs bekannt gewesen zu sein. Die Stelle iogehört übrigens zu dem Hauptbestande derNekyia, aber nicht zu ihrem ältesten Teile,sondern zu dem, der, wie von Wilamowitz ,homer. Untersuchgn. S. 147 ff. nachgewiesen hat,bereits Kyprien und Nosten benutzt, also nichtsehr alt ist. Auch in 0 349 liegt nur diemythische Vorstellung der dämonischen wild-blickenden Gorgo zugrunde. In der Schil-

*) Sehr ähnlich ist ferner die Beschreibung des Kestos, r,Qwo ebenfalls eine Reihe von Personifikationen als darge-stellt genannt wird, ohne dafs dem Dichter wirkliche künst-lerische Darstellungen desselben bekannt sein konnten.Nach demselben Muster sind auch die Verse 154IGO indie Idanig 'HQay.X. eingeschoben mit den Personifikationenvon Proioxis, Palioxis u. s. w.; Kris und Kydoimos andieser Stelle sind wörtlich aus dem Schild des Achillentlehnt. Die ]Aanig zeigt übrigens in ihrem jetzigenZustande zwei parallele Passungen für den Anfang derBeschreibung: die eine (V. 144160, wo eben 154ff. spätereingeschoben sind) beschreibt eine Schlange als Mittedes Schildes (nichtPhobos wie man gemeint hat); sie ^war offenbar, ganz wie dies an Schilden auf archaischenVasen zu sehen ist, mit dem Vorderteile lierausspringendgedacht, mit geöffnetem Rachen; die Kris auf ihrer Stirnist natürlich rein poetisches Bild. Die andere FassungV. 161167 schildert zwölf Schlangenköpfe als Schild-mitte; V. 150163 ist beiden Fassungen gemein.

**) Während der Korrektur bemerke ich, dafs Robert{Preller, griech. Mythologie l 4 , 120) dieselbe Ansicht aus-spricht.

Gorgoneion (Entstehg. d. Typus) 1704

derung der Gorgonen in der hesiodisehenTheogonie 270 ff. ist gar keine Andeutung ihresAufseren enthalten; aus dem Mythos von demBeilager der Medusa mit dem κνανοχαίτηζkann man nur auf schöne Gestalt schliefsen.Dagegen ist die Beschreibung der Gorgone »in der dem 7. Jahrh. angehörigenΛαπ'ις'Ηρακλ.230 ff. bereits wirklichen Kunstwerken ent-lehnt; sie haben zwei Schlangen um deni Gürtel, die zischen und die Zähne zeigen;Flügel werden nicht erwähnt. Man hat dieΜεδονβης λί&ον πεποιημένη κεφαλή beiArgos,die als ein Werk der Kyklopen galt (Paus, 2,.20, 7), als sichersten Beweis für das hoheAlter des Gorgoneions in Griechenland ange-führt. Mit Unrecht; denn die Annahme, wo-rauf jener Schlufs beruht, dafs das Gorgoneionwegen seines altertümlichen Kunstcharaktersden Kyklopen zugeschrieben worden sei, ist iiber-) aus unwahrscheinlich. Die Volkssage kümmertsich wenig um Stilgeschichte. Die Kyklopengelten der argivischen Sage als Erbauer derMauerringe von Tiryns und Mykenai und derHöhlen von Nauplia ; natürlich hatten sie auchdas Löwenthorrelief gemacht (Paus. 2, 16, 5),da dieses ja ein Teil der Architektur ist. Abersonst schrieb man ihnen keinerlei bildnerischeThätigkeit zu. Also war auch gewifs nichtder plastische Stil jenes Gorgoneions schuld,dafs man es als Werk der Kyklopen betrach-tete. Es müssen hierzu andere Ursachen ge-wirkt haben. Teil eines kyklopischen Baueswar es nicht, wie Pausanias Erwähnung zeigt.Dagegen ist vor allem zu bedenken, dafs dieKyklopen jener argivischen Sagen doch reinmythische Personen sind und ihre Heimat ge-wifs nicht das historische Lykien , sondern dasmythische Lichtland Apollons ist. Das Gor-goneion kommt nun in entschieden solarerBeziehung vor (vgl. unten S. 1726), besondersals Mitte des Tricpietrums; letzteres ist zu-gleich das bekannte Symbol von Lykien . W» retwa eine solche Darstellung Grund derwohl ziemlich späten Sage in unserem Falle?

Also weder aus der Litteratur, noch aus denerhaltenen Denkmälern lassen sich sichere Dar-stellungen der Gorgonen nachweisen, die überdas 7. Jahrh. hinausgingen. Die Entstehungihres Typus wird also nicht sehr viel ältersein. Die Frage nach der Art dieser Ent-stehung ist eine sehr schwierige. Älter aDder Typus der Gorgonen in ganzer Gestalt istjedenfalls das Fratzengesicht derselben. Das-selbe wurde anfangs nicht nur auf diese, son-dern auch auf andere Dämonen übertragen·Es hatte eine gesonderte Vorexistenz und indieser war es offenbar nach Art und Bedeu-tung nicht wesentlich verschieden von demFratzengesicht, das wir bei den verschieden-sten Völkern ausgebildet finden. Dieses scheintaber überall aus der Maske entstanden zu sein,aus der uralten und allerwärts verbreitetenSitte der Vermummung mit schreckenden Mas-ken, um böse Dämonen zu vertreiben. SeineBedeutung war von Anfang an im wesentlichendieselbe die auch dem Gorgoneion der Griechenimmer verblieb, eine apotropäische. Durchdie schreckbare Maske eines Dämons suchte