45 Ianus (neuere Deutungen)
125 ff. offenbar im Anschlufs an Varros obenerwähnte Notiz bei Io. Lydus m. 4, 2 zu gebenversucht. Deecke verwirft die gewöhnlicheEtymologie von Ianus = Divanus (Dianus)und hält den Namen mit dem Appellativumianus in der Bedeutung Gewölbe, Dogen fürgleichbedeutend. Ianus sei demnach der Gottdes Himmelsgewölbes und von den Etruskern,die wahrscheinlich Erfinder des Bogen- und Ge-wölbebaues gewesen seien, von dem ursprünglichetruskischen Ianiculum aus, unter Numä nachRom gekommen. Als Himmelsgott sei er auchGott des Anfangs, des Ursprungs aller Dinge,und Quellengott geworden, weil die irdischenWasser vom Himmel kommen und von ihmgenährt werden. Den Ianus quadrifrons be-zieht Deecke nach dem Vorgänge .der Altenauf die vier Weltgegenden. „Das Öffnen undSchliefsen des Tempels beim Beginne undEnde des Krieges“ betrachtet DeecJce (S. 127)in etwas gesuchter Weise „als Symbol der Öff-nung der Schranken des Weltalls, wenn Ianus ,der Gott der Himmels- und Weltordnung ge-zwungen ist, gegen die bösen Mächte draufsenzu kämpfen, der Schliefsung, wenn die Ruhedraufsen hergestellt ist“.
Corssen (Ausspr. etc. 1 2 , 212), der fest an dieRichtigkeit der Ableitung von der Wurzel div(vgl.auch Pott, E. F. 1, 99. 2, 207. Ploix, Nat. d.dieux 99. Grafsmann, Z. f. vgl. Spr. 11,9.16,161)glaubt, erkennt dagegen in I. „den Gott derGrenzen von Raum und Zeit, insbesondere derZeitgrenzen, die durch die Lichtwechsel derSonne und des Mondes bestimmt werden, wieAnfang und Ende der, Jahre, Monate, Wochenund Tage“. Er meint, dafs I. eben mit Rück-sicht auf diese Lichtwechsel als „lichter Gott“oder „himmlischer Gott“ bezeichnet wordensei. „Da nun aber Ianus auch die Gottheitder Raumgrenzen auf der Erde war, daher derThüren und Thore, so ist es begreiflich, dafsvon ihm ein Thor oder Durchgang, bei demsein Brustbild zu sehen war(?), Ianus genanntwurde, wie Wein durch Bacchus, Brot durchCeres, Liebe durch Venus, Kampf durch Marsbezeichnet wurde.“ Hartung (Bel. d. B. 2, 219)und Klausen (Aeneas 710) halten Ianus für einenGott des Anfangs, oder für den Urgott schlecht-hin; Mommsen, B. G. 3 1, 163 fafst ihn als„Geist der Eröffnung“. Eine von allen bis-herigen Deutungen abweichende Erklärung istneuerdings, wenn auch mit vorsichtiger Re-serve, von Boscher in seiner Schrift Hermesder Windgott (Leipzig ) 1878 S. 119ff. versuchtworden. Boscher geht aus von der Griechenund Römern gemeinsamen Vorstellung einerHimmelspforte (nvlai ovquvov, porta caeli ),welche bei Homer von den Horen bald ge-öffnet, bald geschlossen wird. Unter denThüren dieser Pforte*) sind natürlich dieWolken zu verstehen (vgl. II. E 749: avto-fiarai äs nvXut yvKov ovquvov, as s%ovcoqca, rfjs sniTszqUTtxui [isyag ovoccvög OvXva-
*) Auch der Rigveda kennt Götterthore (1, 13, 6.142, 6. 2, 3, 5 etc.). Ebenso die germanische Mythologie;fl , Mannhardt , German . Mythen 255. 266 f. 287. 389 ff. (wox : deutlich die Wolken als Himmelsthüren erscheinen, derenPförtner St. Petrus (= Ianus?) ist). 394f. 400ff. etc.
Ianus (neuere Deutungen) 46
τζός τε, ijgsv άνακΧ.ΐναι πνκινον νέφος x)d’έπι&είναι. Verg. Geo. 3, 261: porta caeli.Ennius b. Seneca epist. 108, 34: mi soli caelimaxima porta patet). So kommt es, dafs beiden Römern so oft von einem caelum apertum(patens) und clausum die Rede ist. War näm-lich der Himmel heiter, unbewölkt, so sprachman von einem caelum apertum, im ent-gegengesetzten Falle von einem caelum clau-) sum (vgl. Euer. 6, 817: aperta promtaquecaeli. Cic. de divin. 1, 1: patens caelum exomni parte atque apertum intueri. Val. Flacc.1, 655: emicuit reserata dies caelumque resolvitarcus; mehr b. Boscher a. a. O. S. 121 Anm.469). Was könne nun einfacher sein als dieVorstellung, dafs der Wind, welcher denHimmel bald mit Wolken bedeckt, bald davonbefreit, der Öffner und Schliefser des himm-lischen Hauses sei? (Vgl. Ovid f. 1 , 681: cumo serimus caelum ventis aperite serenis). Er-wäge man nun, dafs der Wind oder Luftzugebenso die als himmlische Thüren gedachtenWolken wie die Thüren der menschlichenWohnungen bald öffnet, bald zuschliefst, sodränge sich uns fast von selbst die Vermutungauf, dafs Ianus ein altitalischer Windgott sei,zumal da es bisher an einem solchen einheit-lich gedachten Windgotte in der italischenReligion fehle. Diese Vermutung sucht nuno Boscher durch die Vergleichung mit demgriechischen Hermes, den er als Windgott er-wiesen zu haben glaubt, zu stützen. Die ver-schiedenen Vergleichungspunkte sind kurzfolgende. Dem thürhütenden Ianus dürfte zu-nächst deutlich der an der Thüre des grie-chischen Hauses Wache haltende Έρμης οτρο-φαΐος, πνληδόκος, der als Windgott die Thürebald öffnet, bald schliefst (Boscher, Hermes91 f.) und vor allen Dingen wie ein Thürhütero die sich etwa einschleichenden Diebe abwehrt,entsprechen. Dem Ianus als rector viarum(Macroh. 1, 9, 7), dem zu Ehren auf den be-lebtesten Strafsen iani, auf den Kreuzwegeniani quadrifrontes mit doppelköpfigen odervierköpfigen Ianusbildern errichtet waren, istder Wegegott Hermes vergleichbar, der eben-falls oft mehrköpfig (Έ. τρικέφαΧος, τετρακέ-φαλος) dargestellt wurde. Ebenso wie Ianus wurde auch Hermes öfters als Doppelhermeo gebildet. Die Darstellungen beider Götterstanden sich so nahe, dafs z. B. Augustuseinen solchen Doppelhermes des Skopas oderPraxiteles aus Ägypten nach Rom brachte undhier als Ianus aufstellte (Plin. h. n. 36, 28).Vgl. auch den doppelköpfigen Windgott Boreasauf einer Vase (ob. Bd. 1 Sp. 809f.). Da fernervom Winde das Gelingen der Opfer und dieHörbarkeit der Gebete abhängt*) (vgl. Boscher/a. a. O. S. 122), so ist dem Hermes sowohlo wie dem Ianus die Erfindung des Opferritusund Götterdienstes zugeschrieben worden. Vgl.Hermes als „precum minister“ (Welcher, Syllogeepigr. gr. 136) mit Ianus als viam, pandens
*) II. Θ 549 y.riaijv 6’ ly. τίεδίου άνεμοι φερονovQccvbv εϊύοι. ib. -A. 317. Ap. Rh. 1, 438 f. Vayukeifst im Rigveda 8, 26, 21 ritas pati = Herr des Opfers.Dieselbe Vorstellung scheint dem Opfer Kains und Abelszu Grunde zu liegen.