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deorum ad audientiam (Arnob. 3, 29) und alspreces supplicum per portas suas ad deos ipsetransmittens (Nigid. b. Macrol·. 1, 9, 9). Ygl. vorallem auch Serv. 7, 610: aliilanum aerem cre-dunt, et quia vocis genitor (vgl. Hermes alsErfinder der Sprache!) ludoeatur, idcirco man-dari ei preces nostras ad eos perferendas.
Des Ianus Verhältnis zu den MärktenItaliens und den daselbst verkehrenden Wechs-lern und Händlern erinnert an den Hermesαγοραίος der griechischen Städte. Dem Matu-tinus pater scheint der ebenso wie der Windam frühen Morgen geborene Hermes zu ent-sprechen. Der Ianus Consivius und duonuscerus findet eine Analogie in dem Hermes,von welchem die Befruchtung der Pflanzenund Tiere abhängt. Sogar für den Έρμηςψυχοπομπός findet sich eine Parallele im Vor-stellungskreise des Ianus, welcher nach Prae-textatus b. Io. Lyd. mens. 4, 2 τάς &ειοτέραςψυχάς επι τον σεληνιακόν χορόν αποπέμπει ,was unverkennbar an den pythagoreischenΈρμης ταμίας των ψυχών . . . [og^ είβπέμπειάπό των σωμάτων τάς ψυχάς ... τας κα&αράςέπϊ τον νψιατον κ. τ. λ. erinnert. Auch imKultus beider Götter kommen Ähnlichkeitenvor, beiden werden vorzugsweise Widder ge-opfert; beiden sind vorzugsweise die Neumonde(Kalenden) geheiligt.
I. Kritik der modernen Deutungen.
Fragen wir jetzt, welche der soeben ange-führten meist physikalischen Deutungen An-spruch auf unsere Billigung machen können,so scheint mir- keine einzige derselben volleBefriedigung zu gewähren; ja es ist sogarnach unserer oben gegebenen Darstellung inhohem Grade zweifelhaft, ob wir überhauptin Ianus einen alten Naturgott anerkennendürfen. Wie wir gesehen haben, lassen sichalle einzelnen Funktionen des Ianus auf diebeiden Grundbegriffe eines Schutzgottes oderGenius der Thüren und eines solchen der An-fänge zurückführen, und der letztere Grund-begriff ist aller Wahrscheinlichkeit erst ausdem ersteren hervorgegangen, Dafs ein solcherhäuslicher Schutzgeist der Eingänge und An-fänge ganz wohl ohne ein Natursubstratwenigstens bei den Italikern denkbar ist,lehren zahlreiche Analogieen, namentlich Vesta(= Hestia ), die göttliche Personifikation desHerdfeuers und Herdes, Cardea, die Göttin dercardines, Limentinus der Gott der limina, Ter-minus der Gott der Grenzen und viele anderegöttliche Wesen, welche uns namentlich dieIndigitamenta kennen lehren (s. oben Sp. 30).Was hindert uns also bei dem völligen Zu-sammenfallen des Namens und des Appella-tivums (Ianus und ianus) an ein ähnlichesVerhältnis zu glauben, wie es uns bei Εστίαund εστία entgegentritt, oder, mit anderen\Vorten, was hindert uns anzunehmen, dafsebenso wie der Begriff des Herdes und Herd-feuers in Εστία und Vesta so auch der Be-griff des Eingangs in Ianus zu einem göttlichenWesen sich steigern konnte? Nötig ist esalso entschieden nicht für Ianus nach einemNatursubstrat zu suchen, um zum vollen Ver-
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ständnis seines Wesens zu gelangen. Hierzukommt noch, dafs fast alle soeben dargelegtenDeutungen verschiedenen Bedenken unterliegen.Namentlich scheint mir dies bei der Deutungdes Ianus als Sonnen- oder Himmelsgott derFall zu sein. Um mit dem ersten von Prellerangeführten Grunde zu beginnen, dafs Ianus die maskuline Parallele zu Iana, d. h, derMondgöttin, sei, so ist diese Annahme zwaran sich, d. h. lautlich möglich, doch ist erstensdie Form Iana (s. d.) = Diana nur schlechtbezeugt und vielleicht nur einer mythologisch-etymologischen Spekulation zuliebe konstruiert(vgl. Varro r. r. 1 , 37, 3 und Macrol·. 1 , 9, 8 pro-nuntiavit Nigidius Apollinem Ianum esse Dia-namque Ianam), zweitens nimmt es wunder,dafs diese etymologische Verwandtschaft zwi-schen Ianus und Diana (Iana) keine mytho-logische Verwandtschaft beider Gottheiten er-zeugt hat, und drittens würde die ParalleleIanus und Diana (Iana) das offenkundige Ver-hältnis des Ianus zu den iani und ianuaezerreifsen, zumal da Diana in gar keiner Be-ziehung zu diesen Begriffen steht.
Nicht minder hinfällig oder bedenklich istder zweite von Preller angeführte Grund, dersich wesentlich auf Macrol·. 9, 9 qui exo-riens aperiat diem, occidens claudat stützt, in-sofern hier eine ganz späte, wahrscheinlichnur aus eingebildeten Theorieen entstandene,sonst nicht nachweisbare Vorstellung einesMythologen ( Nigidius ) vorgeführt wird. WennPreller u. a. drittens aus der von Osten nachWesten laufenden Axe des alten Ianus Geminusam Forum auf einen Sonnengott schliefsen, soist dem nicht blofs entgegenzuhalten, dafs dieseLage zufällig und lediglich aus örtlichen Ver-hältnissen erklärbar sein kann, sondern auch,dafs sie sich möglicherweise aus der gewöhn-lichen Anlage der altrömischen Bauten, nament-lich der Villen, erklärt, deren Front, wie wirsahen (Sp. 30 A. **), in der Regel nach Osten ge-richtet war. Vielleicht hängt diese ost-west-liche Richtung des alten Markteingangs mitder dem Templum zu Grunde liegenden Vor-stellung zusammen, dafs die Ostseite die glück-verheifsende sei (Müller-Deeclce, Etrusker 2 2,131 f.), daher man, um ein günstiges Omen füralle auf dem Markte betriebenen Angelegen-heiten zu gewinnen, durch eine östlich ge-richtete Pforte ein- und auszugehen liebte.Auch der vierte Grund, die Verehrung desIanus als Matutinus, braucht nicht notwendigauf einen Gott der aufgehenden Sonne bezogenzu werden, sondern kann sich recht wohlebenso wie die Verehrung an den Kalenden,im ersten Monate des Jahres u. s. w. aus derBedeutung des Ianus als Gottes aller Anfängeerklären (s. oben Sp. 37 ff.). Genau dasselbegilt von Ianus als Quellengott, den wir obenauf Grund sprachlicher Thatsachen einfach ausder Vorstellung vom Öffnen und Schliefsen(der Wasseradern) zu erklären gesucht haben,zumal da eine Beziehung des Sonnengottes zuQuellen bei Griechen und Italikern sonst sogut wie unerhört ist. Der Gedanke Schweg-lers endlich, dafs, wenn Ianus kein Sonnengottwäre, die altlatinische Religion eines solchen
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