351 Nike (in d. hellenist. Kunst)
vorgestreckten Hand hielt sie ohne Zweifeleinen Kranz, in der Linken (das Stäbchen istmodern) einen Gegenstand, den sie mit vollerHand umfafste, also etwa ein kleines Tro-paion.
Ganz das gleiche Bewegungsmotiv hat dieNike, die im Gigantenfries des pergame-nischen Altars die Athena krönt {Baumeister,Henkm. 2 Taf. 38); bemerkenswert ist, dafs dieSiegesgöttin hier wieder in ihr enges Verhältniszu Athena tritt. — Schwebende Niken, meist inruhiger aufrechter Haltung, finden sich ferner aufMünzen des Pyrrhus (Head, Guide Taf. 24—26)und anderer hellenistischer Herrscher (Imhoof -Blumer, Hubers Nwmism. Ztschr. 1871, S. 29 f.,nr. 66, 67, 87, 93, 102), auf einer Glaspaste( Furtwängler, Verz. d. geschn. Steine in Berlin nr. 1081) und endlich, als Nachklänge malerischerKompositionen dieser Periode, auf campanischenWandgemälden ( Helbig, Untersuchungen überdie camp. Wandm. S. 315. Wandg. der StädteCampaniens nr. 902 f.).
Gruppiert finden wir Nike in dieserEpoche selten als handelnde Person, wieetwa bei der Scene einer TropaionaufrichtungHelbig, Wandg. nr. 565. Ihre Bedeutung alsOpferdienerin tritt ganz zurück. Sie wird, wosie nicht rein dekorativ verwendet wird, wiedermehr eine symbolische Figur, die den Zeus (Helbig nr. 102) oder siegreiche Krieger (Helbignr. 940. 941) bekränzt, indem sie über ihnenschwebt. Von ihren Attributen verschwindetdie Taenie fast ganz; die weitaus häufigstensind Kranz und Palmzweig. Bisweilen nimmtsie die Abzeichen anderer Götter an, Zeus ’ Blitz(auf Münzen von Tarent , Head, Hist. num. S. 56;von Bruttium Imhoof - Blunier a. a. 0. nr. 80;auf Gemme Berlin nr. 1069) oder PoseidonsDreizack (Münzen von ßoeotien Brit. Mus. Cat.Central Greece Taf. 6, 9—11). Neu sind indieser Periode die kleinen tragbaren Tropaia,die sie sehr häufig in Händen hat, besondersauf Münzbildern. — Für die weichliche Auf-fassung der Göttin seien noch angeführt dieTerracotta von Kyme ( Furtwängler, SammlungSaburoff 2, Taf. 134), wo sie mit nacktem Ober-körper lässig auf einem Felsen sitzt, und dieSilberschale Mon. d. Inst. 9, Taf. 26, 3: Nike,fast nackt, mit einer Fruchtschüssel zwischenAphrodite und Herakles . — In Stil und Auf-fassung auf den Traditionen des 5. Jahrhundertsberuhend, erscheint Nike als Spendegöttin beiApollon auf den bekannten Kitharödenreliefsbei Schreiber, Hellenist. Reliefbilder Taf. 34f.Overbeck, Plastik l 4 S. 262.
V. Etruskische und altitalische Kunst.
Auf etruskischen Spiegeln treffen wir Nikenvon rein griechischem Typus an, d. h. be-flügelt und voll oder halb bekleidet, von denen ieinige durch die Situation die Deutung aufSiegesgöttinnen herausfordern, andere sogarinschriftlich als Victoria bezeichnet sind. Ger-hard-Körte, Etruskische Spiegel·. 1, 38 (im Ge-wand auffallend verwandt der grofsen Nikeim Goldkranz von Armento , Arneth, Gold- undSilbermonumente des Wiener Münzkabinetts Taf.13); 1, 39; 40; 41. 1, 61 (vermutlich Fälschung,
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siehe ob. Sp. 324, 65). 2, 143 (bei Herakles ); 151(bei Herakles und Aphrodite , dieselbe Kom-position wie auf der Silberscbale Mon. d. Inst.9 Taf. 26, 3); 145; 230 (bei Jünglingen). 4, 371(inschr., bei Venus); 412 (bei Apollon ). 5, 2(Zeus kränzend); 21 (bei Aphrodite ); 106 (beiParis ). Dagegen hat die bekleidete Flügelfrauauf 5, 68 bei Perseus und Athena , die in derVorlage des Spiegelzeichners unzweifelhaftNike war, die Beischrift Meanpe, ähnlich dernackten Mean(s.d.), die auf 2,181 denAlexandroskränzt. Auf 1, 37 heifst eine kurzbekleideteFlügelfrau mit Zweig bei AthenaLasa(s. d.). DieseLasen, ursprünglich dienende Wesen des aphro-disischen Kreises ( Schippke, de speculis etruscis1, S. 4—24. Brest . Hiss. 1881) und durch Nackt-heit, Beflügelung, Schuhe und meist ein Ala-bastron in der Hand gekennzeichnet, versehenbisweilen die Funktionen der Victoria (5, 3bei Zeus ; 5, 31 bei einem Kitharöden; 2, 144bei Herakles ). Es scheinen also die Grenzenzwischen dem wahrscheinlich ohne viel Ver-ständnis übernommenen griechischen Typus derNike und dem national-etruskischen Begriff derLasa allmählich verwischt worden zu sein.Vielleicht unter dem Einflufs der Lasa- Dar-stellungen, teils wohl auch aus der allgemeinenNeigung der etruskischen Kunst zu möglichsterEntblöfsung, erscheint Nike manchmal ganznackt (1, 73. 3, 246 A bei Athena . 3, 251Akalbopfernd). Ob die spätetruskischen Bronze-statuetten in Cassel ( Friederiehs- Wolters nr. 206.207), nackte Mädchen, bei denen die Flügel anKreuzbändern festsitzen, und eine ähnlicheFigur im British Museum als Lasen oder Nikenzu deuten sind, mufs demnach bei dem Mangelvon Attributen dahingestellt bleiben. — Dafses eine etruskische hlationalgottheit, die denSieg personifizierte, ursprünglich nicht gegebenhat, dürfen wir daraus schliefsen, dafs auf denälteren Wandgemälden, wo doch bei athleti-schen Darstellungen hinreichend Veranlassunggewesen wäre, nichts derartiges zu finden ist.Auf Wandgemälden, die unter dem Einflufsder freien griechischen Kunst stehen, sehenwir hie und da Flügelwesen nach Art der Nike,aber eine Erklärung als etruskische Schicksals-göttin ist in jedem dieser Fälle mindestenseben so nahe liegend (Mon. d. Inst. 6, 31Conestabile, Pitture murali di Orvieto Taf. 8.Cardeila, Pitture della tomba degli HescanasTaf. 2, A, C). — Die altertümliche laufendeNike mit Taenie auf der etruskischen rotfig.Vase Berlin nr. 2957 (El. ceram. 1, 88) kehrtnahezu identisch auf dem Spiegel Gerhard 1,Taf. 32, 9 wieder und ist offenkundig von einemalten griechischen Typus wie dem auf denMünzen von Elis herübergenommen. Eineunzweifelhafte Siegesgöttin ist das nackteFigürchen mit Taenie und Kranz bei einemBeiter auf der jüngeren etruskischen VaseGerhard, Auserl. Vasenb. Taf. 321, 1.
Auf den praenestinischen Cisten trittNike meist in griechischer Auffassung undTypik auf, so bei Göttern und Helden (Mon.d. Inst. 9, 24/25; 58/59, inschriftlich Victoria.Gerhard, Ges. akad. Abh. Taf. 57) oder in Kampf-scenen (Mon. d. Inst. 6/7, Taf. 61/62). Erotische