375 Niobe u. Niobiden (b. Pherekyd.)
das Scholion weiter angiebt, den Untergangder Kinder in Theben erfolgen und daraufNiobe nach Lydien heimkehren lassen (vgl. auchEustath. Comm. II. p. 1367, 21). Auf Sophokles bezog sich, nach G. Hermanns Vermutung, dieverdorbene Stelle des Aristoteles (Poet. c. 18),wo jemandes Tragödie 'Niobe ’ wegen des ver-letzten Gesetzes der Einheit von Zeit und Ortgetadelt und dieser das gleichnamige Stück desAischylos, wie es scheint, als Muster gegen- ιüber gestellt wird. Von dem Inhalte der ver-lorenen Tragödie 'Niobe ’ wissen wir nur, dafsder Untergang der Niobiden auf der Scenedargestellt war und einer der Sterbenden seinenLiebhaber (εραστής) auffordert, ihn umarmendzu schützen (fr. 410). Sonst hat Sophokles desMythus Erwähnung gethan in der ' Antigone ’(v. 822—838) und 'Elektra ’ (v. 150 — 152). ImBegriffe, „allein von den Sterblichen“, wie derChor sagt, lebend zum Hades hinabzusteigen, 2vergleicht Antigone sich mit der Niobe : „Ichhabe gehört, wie die jammervolle Tochter desTantalos, die phrygisehe Fremde, an der Höhedes Sipylos, der Felsen, gleich dem zähen Epheuwachsend, bezwungen hat und jetzt im Regen-güsse zerfliefst, wie die Sage der Menschenlautet; der Schnee verläfst sie niemals undunter den weinenden Brauen netzt er ihr denHals. Ihr sehr ähnlich bettet auch mich dieGottheit.“ Der Chor antwortet: „Ja sie war sGöttin und göttlichen Stammes, wir aber sindSterbliche und von Sterblichen abstammend“u. s. w. Elektra beruft sich, als Antwort aufdie Mahnung der Chores, Mafs zu halten inder Totenklage, auf die Aedon und Niobe .„Dich, allduldende Niobe“, singt sie, „ehre ichals Göttin, die du im Felsengrabmal stetsweinst.“ Euripides gedachte der zweimalsieben von Loxias getöteten Niobekinder im' Kresphontes ’ (fr. 456), in den ' Phönizierinnen ’ 4(v. 159) steht Polyneikes mit Adrastos vorTheben „nahe dem Grab der sieben Mädchender Niobe “.
Aus einer ähnlichen epischen Überlieferung,wie sie den attischen Tragikern bekannt war,stammt auch die Erzählung des LogographenPherekydes, welcher die Niobesage im achtenoder zehnten Buch seiner Genealogieen (vgl.Müller, F. H. G. 4, 639. Thrämer, PerrjamosS. 8) dargestellt hatte. Niobe und Pelops sind 51Kinder des Tantalos (fr. 93. 105 bb), ihre Hei-mat war also Lydien. Niobe hatte zwölf Kinder,wie Pherekydes mit Homer übereinstimmendberichtete, indem er aufserdem, zum ersten-mal für uns, auch ihre Namen aufzählt (fr. 102 b).Als Söhne giebt er an Alalkomeneus, Pheres,Endoros, Lysippos , Xanthos, Argeios, alsTöchter Chione, Klytia, Melia, Höre, Lamippe,Pelopia. Die Ne'is, welche andere eine Tochterder Niobe und des Amphion genannt hatten 6(und von welcher das Ne'itische Thor vonTheben seinen Namen tragen sollte, kanntePherekydes als Tochter des Zethos (fr. 102 c).Nach ihrem Unglück kehrt Niobe nach Lydien zurück, findet die Stadt ihres Vaters zerstörtund letzteren seiner Strafe übergeben, da fleht
G. Hermann ( Opusc. 3, 48 ff.) nahm selbst für den Tod derNiobiden und des Amphion Lydien als Schauplatz an.
sie zu Zeus , der sie zu Stein werden läfst.Von dem Steinbild rinnen Thränen herab, undes blickt nach Norden (fr. 105 bb aus Schol.II. 24, 617). Aus den Fragmenten des Phere-kydes ist nicht ersichtlich, wo nach ihm derSchauplatz des Kindermordes war. Im fragm.102 (Aedon, die Frau des Zethos will einenSohn des Amphion töten aus Neid, weil sieselbst nur zwei Kinder, Itys und Ne'is, hatte,die Frau des Amphion aber sechs; in derDunkelheit tötet sie aber ihr eigenes Kind,Itys) sind der hier unbenannten Gattin desAmphion nicht zwölf, sondern nur sechs rtaiSsg(wegen der Ne'is nicht als Söhne, sondern alsKinder zu verstehen) zuerteilt, woraus Thrämer(a. a. O. S. 8) geschlossen hat, dafs die Gattindes Amphion bei Pherekydes nicht Niobe undauch nicht Theben ihr Wohnsitz und der Schau-platz ihres Unglücks war. Aus dem Namendes einen Sohnes ’Al αλ-Λ,ομ,ενενς folgert Thrämerweiter, dafs Pherekydes die Niobe im böotischenAlalkomenai wohnen und leiden liefs. AlsEigentum desselben Logographen betrachtetThrämer auch die von Eustathios zu Homer p. 1367, 21 (vgl. Schol. B V zu II. 24, 602)unbenannten Autoren zugewiesene Nachrichtvon Alalkomeneus als Gemahl der Niobe.*)
Während wir annehmen dürfen, dafs inder epischen Tradition, wie sie das attischeDrama übernahm, Lydien und daneben, wohlunter dem Einflufs der hesiodischen Epik, dasböotische Theben als Schauplatz der Handlungüblich geworden waren, fehlt uns jede sichereSpur eines Vorkommens von Argos in der geläu-figen epischen Überlieferung. Die argivischeNiobe tritt auf den Schauplatz bei Aliusilaos,welcher, nach einer häufig geäufserten Ver-mutung, aus der epischen Φορωνίς geschöpfthätte (vgl. u. a. Kinkel, Ep. Gr. Fr. p. 209.Stark S. 31. Ed. Meyer, Forsch, zur alt. Gesch.S. 89). Diese Niobe wurde, bezeichnend fürdie schon feste Tradition, nicht der Tantalos-tochter der kleinasiatischen und böotischenEpik gleichgesetzt, sondern mit der neuenHeimat verbindet sich eine neue Genealogie.Sie gilt als Tochter des Phoroneus, und nachden Worten des Solon bei Platon (Tim. p. 22 a)giebt es nichts Älteres in menschlicher Über-lieferung, als die Reden von Phoroneus, derder Erste genannt wird, und von Niobe (περίΦοριονέως τον πρώτον λεχ&έντος και Νιόβης).**)
*) Hinzugefü-;t sei noch, dafs Thrämer (S. 9) aus denNamen der pherekydeischen Niobiden Pelopia, Argeioe undPhereus (vgl. II. 9, 151 Φηοαί a's Stadt im Besitz desAgamemnon ) folgert, dafs die Niobe des Logographenauch Beziehung zum Peloponnes und Argos hatte, und„von einem Punkte des Peloponnes nach Alalkomenaivermählt wordeu war“ Da nun II. 2, 104 Pelops alsHerrscher in Argolis erscheint, andererseits Pherekydesin der charakteristischen Zwölfzahl der Niobiden mit derIlias übereinstimmt, so nimmt Thrämer (S. 11) keinen An-stand, die Niobeepisode der Ilias (ohne die interpoliertenSipylosverse) und die rekonstruierte Kelation des Phere-kydes (mit Alalkomeneus als Gemahl, aber ohne denlydischtn Vater und den Sipylos) auf ein und dasselbeurgriechische Sagengut zurückzu f ühren.
**) Ob unter der Phoroneustochter im hesiod. Fragm.42 K. (bei Strabo p. 471), welche einem Hekateros (dieHandschriften schwanken zwischen 'Ey.atequ), 'Ey.aziqov,