377 Niobe u. Niobiden (argiv. Sage)
Als Gemahlin des Phoroneus und Mutter derNiobe werden genannt die Nymphe Telodike(.Äkusilaos fr. 11 bei Tzetzes zu Lykophr. 111.Apollod. Bibi. 12, 1 , 1 . Schol. Plat. Tim. p. 22 a)oder Peitbo (Schol. Eur. Or. 932) oder Kerdo(Paus. 2, 21, 2; bei Hygin. fab. 145, p. 23 Schm.wohl Cerdo anstatt Cinna zu schreiben). Nacheiner Notiz bei Eusebios (Hieron. zu Ahr . 211u. Synk p. 236) wäre indessen Niobe nichtGemahlin des Phoroneus gewesen, sondernseine Mutter von Inachos, welcher der gewöhn-lichen mythographischen Überlieferung gemäfsVater des Phoroneus und Sohn des Okeanos und der Tethys ist. Nach Äkusilaos (fr. 11,dazu Apollod. 2, 1, 1. Dion. Malie. 1, 11, 17.Diod. 4, 14. Hyg. fab. 145, p 24. Schol. Eur.Or. 932. Lact. Plac. Schol. Stat. Theb. 4, 589)wurde Niobe , die Tochter des Phoroneus, Geliebtedes Zeus, als Tochter des ‘ersten’ Menschen dieerste sterbliche Geliebte. Sie gebar von Zeus die Söhne des Argos, von dem die Stadt ihrenNamen erhielt (dieser Αργος 6 Αιό g war auch demPherekydes fr.VZ = Schol. Eurip. Phoen. 1116als V orfahre des Αργος πανόπτης bekannt, vgl.Thrämer S. 30), und, wie speziell Äkusilaoserzählt hatte, den Pelasgos. Als Bruder derargivisehen Niobe wird Apis genannt, von demder Peloponnes den Namen ’Απία erhalten habensoll. In der Chronik des Eusebios (p. 177 Sch.)hat übrigens eine Notiz Platz gefunden, welcheApis zum Sohn der Niobe macht. Eine ähn-liche Unsicherheit trat hinsichtlich des Ver-hältnisses der Niobe zu Pelops ein: gewöhnlichist er ihr Bruder, Eustath. zu II. 24, 602 weistaber die Notiz auf ΐβτέον di ότι την Νιόβην οι μενΤαντάλου, οίδ'ε Πέλοπος κατάγουαι, welche Notizim Schol. B V z. St. mit der über Niobes Gemahlzusammengeworfen ist: την Νιόβην oi μενΠέλοπος, οι δε Ταντάλου, οί δε Ζ rj&ov, οι δε’Αλαλκομένεω γυναίκα φασιν (vgl. Thrämer S. 12).
Über die verschiedenen Redaktionen desStammbaumes der argivisehen Könige, inwelchen die Phoroneustochter Niobe eingefügtwar, hat am ausführlichsten Ed. Meyer (Forsch,z. alt. Gesch. 67 ff.) gehandelt und sich bemüht,sie als reines Produkt pseudowissenschaftlicherGeschichtskonstruktion zu erweisen. Die Sagevon Niobe hat nach ihm (S. 90) ihre Wurzelin der Existenz einer bei Argos gelegenenQuelle Niobe, welche von Plinius 4, 17 nebenzwei anderen, Amymone (der untadeligen) undPsamathe (der sandigen) genannt wird, wozuindessen die übersehene Glosse des Hesychvißw χιόνα καί κρήνην zu vergleichen ist.Argos und Pelasgos, die beiden Niobesöhne,sind nach Ed. Meyer rein genealogische Ge-stalten, welche der Urheber des Stammbaumeserfand, um dem Lande seine Eponymen zugeben. Wenn es auch allerdings unleugbarist, dafs die genealogischen Dichter bei ihrerGeschichtskonstruktion die Verwendung derbeiden Heroen Argos und Pelasgos als Epo-nymen (von Αργος und Πελααγικόν Αργος) mitRecht sehr passend gefunden haben, so isthierdurch eine ältere und ursprünglichere
Έν.ατίου, ’Ey.ataiov) fünf Töchter gebar, von denen dieBergnymphen, Satyrn und Kureten entstammen, Niobe gemeint war, ist völlig unklar.
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Geltung beider als echt religiöser Gestalten imGlauben der Argiver nicht ausgeschlossen.Auf religiöse Wesensverwandtschaft des HeroenPelasgos mit der Demeter Pelasgis von Argosweist der Umstand hin, dafs der Tempel dieserGöttin nicht blofs für eine Stiftung des Heroengalt, sondern auch das Grab des letzteren inder Nähe dieses Tempels lag, wie Pausanias (2, 22,1) berichtet, nur dafs dieser als Vater desPelasgos nicht Zeus sondern Triopas betrachtete.Argos dagegen, der Sohn der Niobe , besafs,doch wohl von Alters her, einen regelrechtenHeroenkult bei Argos, mit einem heiligen Hain(Paus. 3, 4,1; 2, 20, 8), welcher von Kleomenesfreventlich verwüstet wurde, und einem Kult-grabe (Paus. 2,22,5). Dafs die argivische Niobeauf dem Boden der Religion steht, dafür zeugtauch ihre eigentümliche Verbindung mit Zeus .Wie diese Niobe ans den religiösen Lokal-anschauungen der Argiver entsprungen war,so hat sie auch stets nur lokale Geltung be-halten und ist in den allgemeinen Mythenschatzder Hellenen nicht eingedrungen, ungleich derTochter des Tantalos. Für die Sagengeschichtesind beide völlig getrennte, differenzierte Ge-stalten, im religiösen Glauben mögen sie ur-sprünglich eins gewesen sein. Thrämer (S. 28)hat die argivische Zeusgeliebte in Parallelegesetzt mit der böotischen Gemahlin desAlalkomeneus, hinter welchem Beinamen sichZeus verberge (Etym. M. AlalKOfievsvg Zeug).Auf zwei Spuren der Tantalostochter in Argoshat Stark (S. 349) hingewiesen: während dieSage die Geschichte der Kindertötung von derargivisehen Niobe durchaus fern hält, berichtetPausanias (2, 21, 9) dennoch, dafs im Letoonvon Argos neben dem praxitelischen Kultbildeder Göttin die Bildsäule einer Jungfrau stand,der Chloris, einer Tochter der Niobe . Früherhätte sie den Namen Meliboia getragen, alsaber Apollon und Artemis ihre Geschwistertöteten, sei sie, zur Leto betend, mit einemBruder Amyklas am Leben gelassen worden.Vom ausgestandenen Schreck hätte sie abereine blasse Gesichtsfarbe behalten und deshalbden neuen Namen XXcoQig bekommen. BeideGeschwister hätten, nach der Sage der Argiver,der Leto diesen ihren ersten Tempel erbaut.Eine zweite Spur weist auf einen argivisehenTantalos hin. In der Umgebung des Tempelsder Demeter Pelasgis und des Pelasgosgrabesbefand sich, nach der Angabe des Pausanias(2, 22, 2), ein nicht grofses ehernes Gefäfs(%alKciov), getragen von Bildsäulen der Artemis ,Athena und des Zeus Migxavivg . Nach einigenErkläre™ enthielt dieses Gefäfs die Gebeinedes Tantalos. Pausanias wehrt sich lebhaftgegen die Möglichkeit, dafs dieser der Lyder-könig, der Sohn des Zeus und der Pluto, seinkönne, und läfst nur die Wahl zwischen Tan-talos, dem Sohne des Thyestes, oder Tantalos,dem Sohne des Broteas, offen, welcher früherals Agamemnon Klytaimnestra geheiratet hatte.Immerhin ist die Existenz von Reliquien einesTantalos in der Nachbarschaft von denen desNiobesohnes in. der Heimat der argivisehenNiobe ein recht merkwürdiges und kaum ganzbedeutungsloses Zusammentreffen.
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