Band 
Dritter Band, erste Abteilung. Nabaiothes - Pasicharea.
Seite
379-380
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379 Niobe (theban. Mythus b. Xanthos etc.)

Aufser dem argivischen hat die Logographienoch einen zweiten von der konventionellenSage ganz verschiedenen Niobemythus zumVorschein gebracht. Xanthos der Lyder (fr. 13,zu ergänzen durch Schot. Eur. Phoen. 159,Schot. Vict. zu II. 24, 602 und Eustath. zu Hom.II. p. 1368) und auf ihn folgend, wenn auch ver-flochten mit dem Bericht des Simmias vonRhodos und Neanthes von Kyzikos, Parthenios ( Erot. path. 33), hatten folgende Erzählung ιgeliefert, die wir in der ZusammenstellungThrämers (S. 20) wiedergeben: Assaon [Asso-nides Άαωνίδης Eust. Schot. .B] hat seine TochterNiobe dem am Sipylos wohnenden [Assyrer,Schot. Euri\ Philöttos vermählt, und zwanzigKinder waren dieser Ehe entsprossen. Phi-lottos verliert auf der Jagd durch einen Bärensein Leben. Nun wirbt Assaon, von Verlangenerfüllt, um seine eigene Tochter. Von Niobe zurückgewiesen, sinnt er auf Rache. Er ladet 2die Kinder der Niobe zu einem Mahl und ver-brennt sie mitsamt dem Palaste. Als Niobedieses erfährt, flieht sie und bittet die Götterzu Stein werden zu dürfen und wird versteinert.So lautete der Sehlufs der xanthischen Erzählungnach den Worten des Eustathios (a. 0.).Parthenios giebt den Sehlufs folgendermafsen:Auf die Kunde vom Untergang ihrer Kinderstürzt sich Niobe von einem hohen Fels, undAssaon, von Reue ergriffen, macht seinem sLeben gleichfalls ein gewaltsames Ende. NachParthenios verdankte auch die Assaonstochterihr Unglück der Fügung der von ihr erzürntenLeto. Hinzuzufügen wäre, dafs nach einerNotiz in dem Schot. Townt. II. a. a. 0.600 Niobebei den Lydern Έλνμην (nach der zweifelndenVermutung von WilamozvitzΕλυμηνή) genanntwurde. Dieser ly disehe Niobemythns stimmtealso mit dem allgemeinen griechischen darinüberein, dafs auch die Tochter des Assaon 4ihrer Kinder beraubt und auf dem Sipylos ver-steinert wird. Die Zwanzigzahl der Kinderkehrte, wie wir oben sahen, auch bei Hesiod ,Mimnermos, Pindar und Bakchylides wieder.Diese Übereinstimmungen sind, trotz der übri-gen Unähnlichkeit, doch auffallend genug, umeine Beeinflussung der lydischen Sage durchdie griechische oder eine Verschmelzung beidervoraussetzen zu lassen, während der umge-kehrte Fall weniger wahrscheinlich ist. 5

Der jüngste der Logographen, welcher diegemeinhellenische Niobeerzählung wiedergab,war Hellanikos (fr. 66 εν τφ πρώτω των Ατλαν -τιδων im Schot. Eur. Phoen. 159). Mit Herodorvon Heraklea, dem Zeitgenossen des Sokrates,wahrscheinlich übereinstimmend, zählte er nursieben Kinder der Niobe . Wie Pherekydes gab erihre Namen an, indessen völlig verschiedene, mitAusnahme der bei beiden übereinstimmendenTochter Pelopia. Die übrigen Namen lauteten 6bei Hellanikos : Archenor, Menestratos, Archa-goras, Ogygia, Astykrateia; der Name einesSohnes ist in den Handschriften des Scholiensausgefallen. Das Fragment enthält keine direkteAngabe über die Genealogie der Niobe undden Schauplatz ihrer Geschichte, doch darfvorausgesetzt werden, dafs Hellanikos sich vonder Vulgata nicht entfernte. Der Name Pelopia

Niobe (1yd. Mythus b. Hellanikos ) 380 !

weist auf die übliche Verwandtschaft derTantalostochter mit Pelops hin. Erwähnens-wert ist, dafs Hellanikos die Stadt Sipylos, dieHeimatsstadt des Pelops und der Niobe , ge-kannt hat (Steph. Byz. Σίπνλος. πόλις Φρυγίας'Ελλάνικος "Ιερείων πρώτω). Ferner war ihmeine Quelle bei Magnesia am Sipylos bekannt,deren Wasser Steine in den inneren Teilendes Trinkenden absetzen sollte (aus τά περίο Λυδίαν fr. 125). Vielleicht gab Hellanikos einerationalistische Deutung der wunderbaren Ver-steinerung. Auf Theben als Wohnsitz undSchauplatz der Kindertötung deutet nachThrämers Ansicht (S. 14) der Name der einenNiobide Ogygia, an dieίίγύγιαι πνλαι Thebenserinnernd, und die Siebenzahl der Kinder, dienur eine Variante der gewöhnlichen vierzehnKinder der thebanischen Niobe sei. Wir fügenhinzu, dafs die Siebenzahl bei Hellanikos Be-o nutzung ganz spezieller thebanischer Lokal-traditionen zu beweisen scheint. Nahe demIsmenosflufs, vor den Thoren Thebens, befandensich sieben Steinsetzungen auf Erdunterlagen(έρματα). Nach der Meldung des Armenidas,des Verfassers einer thebanischen Lokalhistorie(E. II. G. 3 p. 329), schrieb man diese sieben'Scheiterhaufen (πνραί) entweder den siebenHelden gegen Theben oder den Kindern derNiobe zu. Von den Scheiterhaufen der 'Kindero des Amphion, also doch wohl der Niobiden,redet auch Pausanias (9, 17, 2) und giebt an,dafs noch Asche vom Leichenbrand auf ihnensichtbar sei. Ein halbes Stadion davon ent-fernt seien die Gräber der Amphionskinder,getrennt die der Jünglinge und der Mädchen(Paus. 9, 16, 7). Dieser Gräber hatte bereitsEuripides Phoen. 159 gedacht; er läfst Poly-neikes Stand fassen επτά παρθένων τάφονπέλας Νιόβης, wogegen aber der Sclioliast,o gestützt auf den Lokal historiker Aristodemos(F. H. G. 3 p. 309), versichert, in Thebengebe es nirgendwo ein Grab der Niobiden.Mit dieser kritischen Leugnung hängt wohldie Behauptung zusammen, dafs die Ascheder Niobiden nach Sipylos übergeführt unddort bestattet sei (Stat. Theb. 6, 120 ff.). Esverblieben also jedenfalls die sieben Scheiter-haufen und ihre Beziehung auf die sieben oderzweimal sieben Niobiden. Wie sehr die durcho die thebanische Lokalsage gegebene Siebenzahlverwertet wurde, geht noch aus der Bemerkungdes Hygin (fab. 69) hervor: Amphion enim quiThebas muro cinxit, septem fUiarum nomineportasconstituit und aus Statius Theb. 3,198 (bina peringentes stipabant funeraportas), indem man alsoselbst die Siebenzahl der Thore mit der Zahl derNiobiden in Verbindung setzte. (Mit dem Homo-loiscben Thor setzt Tzetz. z. Lykophr. 520 eineNiobetochter Όμολωΐς in Verbindung.) Es isto wohl kaum zu bezweifeln, dafs auch Hellanikos seine sieben Niobiden aus den sieben Scheiter-haufen gefolgert hat, und folglich bei ihmTheben der Schauplatz der Sage war. Dafsauf jedem Scheiterhaufen eine Leiche verbranntworden sei, schien ihm historisch wahrschein-licher zu sein, als dafs je zwei auf jeden ge-kommen wären, wie Lasos und nach ihm dieattischen Tragiker angenommen haben könnten.