Band 
Dritter Band, erste Abteilung. Nabaiothes - Pasicharea.
Seite
383-384
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383 Niobe u. Niobiden (b. Ovid)

ältesten, tummeln noch ihre Rosse. Jenerwird vom Pfeile mitten in die Brust getroffen,läfst die angezogenen Zügel fahren und sinktlangsam zur rechten Seite hinab. Sipylus hatteden Klang des schwirrenden Geschosses gehörtund unwillkürlich die Zügel gelockert. DerPfeil durchbohrt von hinten ihm die Kehleund er stürzt kopfüber zu Boden. Zweiandere Söhne, Phaedimus und Tantalus , habenzum Ringen die Glieder in einander geschlungenund werden so von einem einzigen Pfeil beidedurchbohrt und getötet. Ein fünfter, Alphe-nor, eilt herbei, um die erstarrten Gliederder beiden zu lösen, ihm wird dabei dasZwerchfell durchbohrt. Er reifst den Pfeilheraus, aber damit einen Teil der Lunge unddas Leben entflieht mit dem Blutergusse.Damasichthon, noch ein Knabe, wird in dieWade getroffen und als er sich bemüht, denPfeil aus der Wunde zu ziehen, trifft einzweites tödliches Geschofs ihn in den Hals.Ilioneus, der Jüngste, hatte die Arme zum Ge-bete erhoben.Ihr Götter allzusammen, warsein Gebet,schonet mein. Doch der bogen-haltende Gott batte schon seinen nicht mehrzurückzurufenden Pfeil abgesandt und genaudas Herz durchbohrt. Die Nachricht vomUnglück verbreitet sich rasch und erregt denSchmerz des ganzen Volkes und die Thränender Angehörigen. Niobe ist noch voll stolzerSicherheit, sie wundert sich, dafs die Göttereine solche Macht haben sollten, dann brichtsie in Zorn aus, dafs sie solches gewagt, dazudas Recht gehabt hätten. Amphion aber, derunglückliche Vater, hatte vor Schmerz seinemLeben ein Ende gemacht. Der Schmerz beugtund überwältigt endftch auch die Stolze. Siewirft sich auf die kalten Leichen und über-häuft sie ohne Ordnung mit Küssen. Dannaber erhebt sie ihre Arme hoch zum Himmelund ruft:Weide dich jetzt, Grausame, anmeinem Schmerze, sättige dein wildes Herz,in sieben Leichen trägt man mich selbst zuGrabe, frohlocke, triumphiere, meine Feindin,als Siegerin. Doch warum Siegerin? Ich Un-glückliche besitze immer noch mehr als duim Glücke, auch nach so viel Leichen bleibeich Siegerin! Kaum hatte sie das gesprochen,so hörte man schon eine Bogensehne spannen,alles erschrak, aufser der durch das Unglücknoch verwegeneren Niobe. Vor den ausge-stellten Paradelagern der Brüder standen geradein Trauerkleidern mit gelösten Haaren dieSchwestern. Die eine sich fortschleppend mitdem in die Eingeweide gedrungenen Geschofssinkt sterbend über den Bruder, das Antlitz ge-gebeugt, die andere, die es versucht ihre Mutterzu trösten, schweigt plötzlich, von einer un-sichtbaren Wunde betroffen. Eine dritte sinkt,im Fliehen begriffen, zusammen und, über siehingebeugt, stirbt eine vierte. Eine verbirgtsich, eine andere sieht man angstvoll hin undherlaufen. Als diese sechs getötet sind, bleibtnoch die letzte übrig. Diese deckt die Muttermit ihrem ganzen Leib und Gewand, ausrufend:die eine, die Kleinste, lasse mir, von vielenfordere ich nur die Kleinste, und sie nur allein!Während sie bittet, stirbt auch die, für welche

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sie gebeten. Kinderlos setzt sie sich nunnieder unter die Leichen der Söhne, derTöchter und ihres Mannes und sie erstarrt vorUnglück, die Haare werden bewegungslos, dieGesichtsfarbe blutlos, die Augen stehen ohnezu zucken über den trauervollen Wangen:kein Leben ist mehr in ihrem Bilde. Auchinwendig erstarrt die Zunge mit dem hart-gewordenen Gaumen, und die Adern hören aufzu schlagen. Der Nacken kann sich nichtmehr biegen, die Arme sich nicht mehr be-wegen, die Füfse nicht mehr gehen, auch die Ein-geweide werden zu Stein. Aber sie weint doch,und von einem gewaltigen Wirbelwind erfafst,wird sie in ihre Heimat entrafft. Dort amGipfel des Berges festhaftend zerfliefst sie, undnoch jetzt läfst der Marmor Thränen rinnen.

Die ovidische Erzählung enthält, abgesehenvon zahlreichen individuellen Zügen, die derrein poetischen Ausmalung angehören, einigeeigentümliche Sagenmotive. In der Motivierungder Kindertötung fehlt jeder Hinweis auf einfrüheres nahes Verhältnis zwischen Niobe undLeto, ein Zug, den wir übrigens zuletzt nuraus einer so alten Dichterin, wie Sappho , be-legen konnten. Dagegen erscheint als neuesMotiv zur Erklärung der Feindseligkeit Letosdie Bekämpfung ihres Kultes seitens Niobe ,was offenbar den bekannten Erzählungen vonder Einführung der Dionysosverehrung undihren Widersachern frei nachgebildet ist. Da-neben geht bei Ovid als zweite Schuld inallen älteren Versionen seit Homer ist es dieeinzige die Überhebung wegen gröfserenKinderreichtums. Die Zahl der Kinder beiOvid entspricht nicht der bei Homer , sondernfolgt dem Drama. Dagegen werden, wie beiHomer , sämtliche Kinder getötet, die Rettungvon zweien ist ausgeschlossen. Die Leichenwerden nicht nach dem Sipylos übergeführt,sondern offenbar in Theben begraben. Amphiontötet sich selbst vor Schmerz. Ovid eigen-tümlich ist endlich, dafs Niobe schon inTheben versteinert, dann von einem Wirbel-wind nach Lydien getragen und an der Fels-wand des Sipylos befestigt wird.

Unter den späteren Mythographen undHistorikern sei zunächst gedacht des Berichtsin der Bibliothek des Apollodoros 3, 5, 6. Niobeist die Tochter des Tantalos und Gattin desthebanischen Amphion, von welchem sie vier-zehn Kinder hat: Sipylos Eupinytos, Ismenos,Damasichthon, Agenor, Phaedimos, Tantalos,Ethodaia oder (ras wis) Maira, Kleodoxa,Astyoche, Phthia, Pelopia, Astykrateia, Ogygia.Die drei letzten Töchter entsprechen den dreibei Hellanikos , während die Söhne, abgesehenvon den vielleicht identischen Archenor (Hella-nikos und Hygin) und Agenor (Apollodor),gänzlich verschieden, auch von denen desPherekydes, sind, dagegen völlig mit der ListeTzetz. Chil. 4, 420 übereinstimmen. Auch mitOvid ist hier Übereinstimmung, mit Ausnahmevon Agenor (Archenor?) und Eupinytos, denenOvids Alphenor und Ilioneus gegenüberstehen.Auch die Liste der Söhne bei Hygin fab. 11:Tantalus Ismenus Eupinus (Eupinytus) Phae-dimus Sipulus Sictothus (Damasichthon?)

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