4G3 Nosoi (myth. Geisteskrankheiten)
sich von vornherein sehr nahe. Denn wer sichselbst im Wahnsinn für einen Hund aus dem Ge-folge der Hekate oder der Erinyen hält, heiNacht in der Einsamkeit umherschwärmt undin und bei den Gräbern, den Wohnsitzender Toten und der Höllengeister, haust, devgehört ja nicht mehr der Sphäre des Lebensund der menschlichen Gemeinschaft, sondernbereits der des Todes und der Totengeisteran; in dem wohnt nach antiker Anschauungkeine Merxschenseele mehr, sondern bereits eineDämonen- oder Tierseele; von dem kann auchrecht wohl gesagt werden, dafs er bei leben-digem Leibe ins Totenreich entrafft oder ineinen Hund aus dem Gefolge der χ&όνιοι δαί-μονες verwandelt sei.
13) Aufserdem kommen noch viele andereFälle von Geisteskrankheit (μανία) mythi-scher Personen*) vor. Sie scheiden sich inzwei scharf von einander zu trennende Klassen,je nachdem vom Wahnsinn einzelner Per-sonen (z. B. des Orestes, Alkmaion, Aias, Bro-teas, Lykurgos , Athamas, Talos, Bellerophoates,Ixion [ Schol. Ap. Rh. 3, 62], der Ino , Io, Antiope[Paws. 9, 17, 6] u. s. w.) oder von epidemi-scher ganze Gruppen auf einmal befallenderManie die Rede ist. In letzterer Hinsichtverweise ich auf den Wahnsinn der tyrrheni-schen Seeräuber, der argivischen und thebani-schen Weiber, der Kekropiden, Pandariden,Proitiden, der lakonischen Frauen, der arka-dischen Hirten ( Long. P. 3, 23), und vorallem der thrakischen· Mainaden. In den mei-sten Fällen wird ausdrücklich angegeben, dafsdie Geisteskrankheit eine Wirkung göttlichenZornes gewesen sei. Als Urheber des Wahn-sinns treten die verschiedensten Gottheitenauf, nämlich Dionysos (Lykurgos: Apollod.3, 5, 1,4; argivische Frauen: ih. 1, 9, 12, 8;vgl. 2, 2, 2; Thebanerinnen und tyrrhen. See-räuber: ib. 3, 5, 2; Mainaden: s. d. Art.; Proi-tiden: Hesiod b. Apollod. 2, 2, 2; Antjope: Paus.9,17,6); Hera (Athamas u. Ino : Apollod. 3,4,2;Herakles: Eur. Here. f. 840; T>iod. 4,11; Apollod.2,4,12,1; Hyg. f. 32; Tzetz. z. Lyk. 38; Proitiden:s. ob. Sp. 458; lo: Apollod. 2,1, 3, 5; vgl. 2, 5, 10,11; Dionysos : Apollod. 3, 5. 1, 4; Iul. imp. or.8, 220 C — ed. Hertl. 1 p. 285), Athena (Ke-kropiden: Apollod. 3, 14, 6, 5; Aias : Apd. epit.5, 6 etc.), Artemis (Broteas: Apollod. epit. 2, 2;Hunde d. Aktaion: Apollod. 3,4,4,3), Med eia,eine Göttin des Mondes und der Zauberei(Talos: Apollod. 1, 9, 26, ö), die Erinyen oderMavicu (Orestes: Apollod. Epit. 6, 25ff.; Paus.8, 34, 1; Alkmaion: Hyg. f. 73), Zeus (Panda-riden: s.o.Sp. 462 f.), Pan(Hirten:Lorap..P.3,23).
14) Λοιμοί. Auch verschiedene λοιμοί kom-men in der griechischen Mythologie vor, z. B.der der Griechen vor Troja und der der Trojanerunter Laomedon ( II. A 10 ff.; Apollod. 2, 5, 9, 10
*) Übrigens sind auch Tiere der μανία (οίστρος,λύσσα) unterworfen; man denke an die tollen Hunde desAktaion (u. Linos), denen Artemis die λύσσα , und andie Iokuh oder die Kinder des Geryoneus, denen Hera den οίστρος ίμ(ίά?.?.ει: Apd. 3, 4, 4, 3; 2, 1, 3, 5; 2, 5,10, 11.Vgl. auch die Sage vom Taraxippoe in Olympia.Mehr b. Roscher, Kynanthro-pie S. 66 Anm. 184; S. 47 Anm.130; S. 36 Anm. 91.
Nosoi (Krankheits-Götter n. -Dämonen) 464
etc.), der der Argiver unter Krotopos ( Konon19), veranlafst von Apollon (s. oben Bd. 1Sp. 433), der von Athen zur Zeit des Minos,veranlafst auf Bitten des Minos durch Zeus (Apollod. 3, 15, 8, 3), der λοιμός der Athener ,welcher die Veranlassung zur άρν,τεία im Kultder Brauronischen und Munychischen Artemis wurde, veranlafst durch die genannte Göttin(Schol. Ar. Lys. 645), der von Tegea, veranlafstdurch Athena ( Apollod. 2, 7, 4), die Pestvon Aigina zur Zeit des Aiakos, veranlafstdurch Hera (Ov. Met. 7, 523; Strab. 375), dievon Temesa, veranlafst durch einen bösartigenTotengeist Namens Lykas (Paus. 6, 6, 8) u. s. w.
II. Krankheits-Götter und -Dämonen. Haltenwir nunmehr Umschau unter den Gottheiten,von denen die aufgezählten mythischen Krank-heiten veranlafst worden sein sollten, so müssenwir scharf scheiden zwischen solchen Göttern,die nur gelegentlich und in besonderen Fällenals Urheber von Krankheiten auftreten (wie z. B.Zeus [vgl. jedoch auch Hom. Od. 1 411], Athena ,Demeter ) und solchen, zu deren innerem Wesenes gehört, Krankheiten, Seuchen und Wahn-sinn über die Menschen zu verhängen, wie z. B.der Sonnengott Apollon , der auch sonstwährend der heifsen Jahreszeit die Seuchensendet ( Welcher, Kl. Sehr. 3, 33 ff.; Koscher,Apollon u. Mars 53 ff. ob. Bd. 1 Sp. 433), dieMondgöttinnen (Hera, Artemis, Medeia , Pa-sipbae), welche als Vorsteherinnen der Men-struation und Geburt namentlich die Frauenmit allerlei Geschlechtskrankheiten und Hy-sterie heimsuchen oder epileptische Anfällebewirken (Roscher, Selene u. Verw. S. 68 ff ob.Bd. 2 Sp. 3154ff), Dionysos , der auch sonstGeistesverstörung bewirkt, und die Erinyen,die als ursprüngliche Totengeister ihren Opferndurchweg Wahnsinn erregen und deshalb ge-radezu Μανίαι genannt werden (Paus. 8, 34, 1;Eur. Or. 400; Έριννες ήΐι&ιώναι Kaibel, ep. gr.1136; φρένων ερινύς = μανία, ανοια , Soph. Ant.603; vgl. ib. 562ff. Rohde, Rh. Mus. 50 S. 19Anm. 2; ob. Bd. 1 S. 1325). An diese Gottheitenund Dämonen schliefsen sich noch andere an,denen zwar zufällig keine Krankheiten mythi-scher Personen zugeschrieben werden, zu derenWesen es aber doch sonst gehört, Krankheitendes Körpers oder Geistes zu erregen, z. B. Pan,der als Sender des panischen Schreckens(= μανία, orer(ios)überhauptGeistesverwivrung,Epilepsie und Alpdruck erzeugt (Selene u. Verw.158 f.; Long. Past. 3, 23; vgl. Pan ), Kybele(Bd. 2 Sp. 1656; Rohde, Psyche 335 ff; Usener,Göttern. 294, 25), Hekate und Selene (Sei.u. Verw. S. 68 ff Anm. 268ff u. S. 159 Anm.656), die Nymphen, welche ebenso wie ihreVertreterinnen im heutigen Hellas, die Ne-raiden, Krankheiten des Geistes oder Körpersbewirken (Schmidt, Volksleben der Neugriechen1, 119 ff.; s. Nymphen u. vgl. Kaibel, epigr.571; Wünsch, Hefix. praef. p. XXIX), undvor allem die den Erinyen als Totengeisterso nahe stehenden Keren*) (Bd. 2 Sp. 1146, 11u. 66; Sp. 1155; vgl. Eur. El. 1252ffi; Hesych.
*) Vgl. auch das merkwürdige, von Furtwängler ( Arch .Jdhrb. 1895. Arch . Anz. S. 37) auf Herakles und Eier[Ejiliialtes?] bezogene Yasenbild, wo Iver (= 1 νόσος?) im