Band 
Dritter Band, erste Abteilung. Nabaiothes - Pasicharea.
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611-612
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611 Odysseus (Charakter bei Homer )

Odysseus (Charakter bei Homer ) 612

fingierten Bericht der Athene erscheint, dochdem Od., sogar unter erschwerenden Umständen(262f.), zur Last; ferner ist sein Verkehr mitKirke und Kalypso sowie mit einer Konkubineim Lager vor Troja (als eine solche, nämlichKyknos Tochter Laodike, wirddes Od. Ehren-geschenk erklärt Schol. A 138; Cramer, Anecd.Paris . 3, 125, 10), selbst nach homerischer An-schauung, vermöge deren an Nebenweibernhöchstens die eifersüchtige Gattin Anstofsnimmt (I 448f.; a 433, vgl. X 421f), mit seinerallenthalben gerühmten Gattenliebe und ehe-lichen Treue schwer vereinbar. Auch wirkt eszunächst befremdlich, dafs er bei seiner sprich-wörtlichen Anhänglichkeit an die Heimat ( Ov.Pont. 4,14, 35), ja seinem schmerzlichen Heim-weh (s. o.) gleichwohl das Vaterland in denLiebesbanden auf Aiaie vergifst und erst nachJahr und Tag von den Genossen an Aufbruchund Rückkehr gemahnt werden mufs (x 467f.,471 f ). Dagegen wird seine Neigung zu Trugund Hinterhalt, die vielleicht mit seinemsonstigen Edelmut in Widerspruch zu stehenscheint, fast immer durch die gefahrvolle Lagebedingt, die Hinschlachtung der ziemlich wehr-losen Freier durch ihre grofse Zahl reichlichaufgewogen, so manche Täuschung als Akt derNotwehr oder als eigentliche Kriegslist ent-schuldigt; und auch wenn ein gewisses Über-mafs im Lügen anstöfsig wirkt, wie nach sei-ner Heimkehr in den viermal wiederkehrendenerdichteten Erzählungen über seine Herkunft(s. o.), oder wenn er immer wieder, bis zur Er-müdung, über die unabweislichen Forderungendes Magens klagt (rj 216; o 344; q 286f.; c 53;vgl. Athen . 10, 412b), so wird allein das kritisch-ästhetische Messer, nicht aber der moralischeMafsstab das richtige Mittel zur Beurteilungsein; überhaupt auch nur aus poetischen Grün-den Od. reinzuwaschen, möchte nur der sichunterfangen, der in ihm das allseitige, voll-giltige Ideal des Helden erblicken wollte.Allerdings zeichnet sich ja Od. durch ungewöhn-lich reiche und hohe Vorzüge des Körperswie des Geistes und des Herzens aus.Zwar steht er im Aufseren hinter Agamemnon zurück und erinnert den Priamos bei der Mauer-schau nur an einen dickwolligen Widder(ri93f., vgl. auch £ 230).*) Immerhin verfehlenOd. Gestalt und Aussehen auf das KenneraugeKalypsos und Kirkes, auf das wollüstige Ver-langen der Seirenen und auf die jungfräulicheNeugier Nausikaas ihre Wirkung nicht, undnamentlich wenn Athene ihn mit Anmut um-giefst, findet seine edle Erscheinung gerechteBewunderung (ff 134 f.). Zugleich liegt in jenemVergleich mit dem Widder der Begriff ur-

*) Andere zoologische Vergleiche beziehen sich viel-mehr auf sein inneres Wesen oder auf vorübergehendeHandlungen und Lagen; K 297: Od. und Diomedes gehendurch die Nacht wie zwei Löwen; \p 48: Od. blutbesudelt,und *130: hungrig wie ein Löwe; _d/ 324f.: Od. und Dio-medes umdrängt wie zwei Eb er von Jagdhunden, ebenso414 f.: Od. in gleicher Lage; ähnlich 474 f.: wie ein Hirschvon Schakalen angegriffen; r548f. und ty 538f.: kampfes-mutig und rasch wie ein Adler; v 14f.: um die Seinenängstlich besorgt wie um die Jungen eine Hündin;(x 433: über der Charybdis am Feigenbaum hangend wieeine Fledermaus.

wüchsiger Leibesstärke, die, gepaart mitrascher Gewandtheit, von ihm schon in derJugend auf der Eberjagd bethätigt, dann abervon Freund und Feind vor Ilion (s. o.), auf derlangjährigen Wanderfahrt von den Genossen(fi 279f.) wie von den Phaiaken (ff 134f.), end-lich nach seiner Heimkehr von Dienern undFreiern oft genug mit freudiger Bewunderung,aber auch mit Schrecken anerkannt wird.Dieser rüstigen, beweglichen Körperkraft ent-spricht seine männliche Tapferkeit undUnerschrockenheit, wie sie im blutigenStreit wie im friedlichen Wettkampf, beiernster Gefahr zu Wasser und zu Lande fastausnahmslos hervortritt; jedoch auch Aus-nahmen, wie seine Teilnahme an der fast all-gemeinen Flucht vor Hektor (& 78 f.) oder seinanfängliches Entsetzen vor dem heimkehrendenPolyphem (t 236) erklären sich in dem einenFalle aus kluger Erkenntnis der feindlichenÜbermacht, in dem andern aus rein naiverEmpfindung, die erst von Euripides (s. u.) umdes dramatisch-theatralischen Reizes willen indas Gegenteil verkehrt worden ist ( Cycl. 198 f.).Als Kriegs- und Seeheld demnach den bestenMännern seines Volkes ebenbürtig, ja denmeisten überlegen, übertrifft er sie alle an vor-sichtiger Klugheit und verschlagenerList (ß 279f.; y 121 f.; 8 267f.; i 282f., 302,345f.; v 291f.; n 242; ip 125), an Beredsam-keit und diplomatischem Ge schick (A 311,430f.; R 185f., 244f., 278f., 335; r 2081, 268;I 192, 223f., 624f., 657; A 140, 767f.; T 154f.;3 240f.; £ 149f.; i 259f.). Zwar retten dieseGeistesgaben ihn oft selbst vor dem Tode, erstellt sie aber noch öfter uneigennützig in denDienst der gemeinsamen Sache. Denn auchreiche Herzenstugenden zieren ihn. Allent-halben bekundet er kindliche Ehrfurcht vorden Göttern und Vertrauen namentlich aufden Schutz des Zeus und der Athene . Rührendist seine Pietät gegen die Eltern, sprich-wörtlich sein Eheglück, mustergiltig seinVerhältnis zum Sohne, vielgerühmt seine Liebezu Heimat und Vaterland. Dem treuenGesinde ist er ein milder, dem treulosen einunerbittlich strenger Gebieter, den Unterthanenein wahrer Vater, den Kampfgenossen ein hilf-reicher Freund und thatkrättiger Ratgeber, denReisegefährten ein aufopfernder Führer, denFremdlingen ein freigebiger Gastfreund. Einesolche Fülle von Vorzügen findet verdientenLohn in der Achtung und Verehrung, die erbei den Seinen geniefst, und in dem Ansehen,dessen er sich bei allen Wohlgesinnten erfreut,soweit nicht deren Urteil, wie bei dem Tela-monier und Eurylochos, durch Neid undNebenbuhlerschaft, oder den Troern, durchNationalhafs getrübt wird. Die Anerkennungfür Od., die bei Homer wohl am nachdrück-lichsten Penelope ausspricht (8 724f.; a 204f.),findet endlich einen lauten, wenn auch nichtmehr völlig reinen, unverfälschten Widerhallin der späteren Litteratur.

II. Der naehhomerisehe Odysseus .

J. 0. Schmidt, TJLixes Posthomericus. Part. I,Hiss. Leipzig 1885. He Ulixis in fab. Satyr.