653 Odysseus (Deutung des Wesens)
E. Gurtius, Gr. Gesell. I 5 , 82) anzusehen sein.Gegen die Auffassung nun, als wäre er einheroisierter Mensch, hat sich, wie bereits be-merkt, die Mythenforschung von jeher ge-sträubt; sie hat zur Deutung seines Wesensden umgekehrten Weg eingeschlagen und ihnaus einer ursprünglichen Gottheit ab-geleitet. Sämtliche Erklärungsversuche be-wegen sich auf astronomisch-physika-lischem Gebiete, und so bedenklich, javerrufen diese Mythendeutung auch ist, siebietet wenigstens in diesem Falle aus demmythologischen Labyrinth einen Ausweg undhat daher weitgehende Zustimmung gefunden.Der neueste Vorschlag freilich, der den Od.mit Poseidon identifiziert und in ihm einensterbenden Naturgott erblickt (Ed. Meyer,Gesell, d. Altert. 2, 104. 429 und Hermes 30,241 f.), darf kaum auf Beifall rechnen (vgl.E. liohde, Bh. Mus. 50, 27 f. 631 f.). Sind nichtOd. und Poseidon Gegensätze? Wie sollte deredle Dulder aus seinem grausamen Verfolgersieh entwickelt haben? Eher könnte man aneine ursprüngliche Einheit von Od. und Hermesdenken (vgl. Klausen , Aeneas u. die Penaten1138f.). Sind doch beide an Thatkraft, er-findungsreicher Verschlagenheit und Beredsam-keit Geistesverwandte und einander so ähn-lich, dafs die nachhomerische Sage denvielgewandten Gott zum Stammvater des Od.gemacht hat (s. o.). Auch sonst besitzt dieGleichung:
Apoll: Hermes = Achill: Odysseus (Preller, Griech. Myt.h. 2 8 , 406) sehr viel Über-zeugendes. In der That ist der Nachweis dieserursprünglichen Identität versucht worden vonOsterwald (s. o.); nur ist die Darstellung so weit-schweifig und die Begründung so wunderlich,dafs man ein ganz andres Ergebnis erwartetund bei der Charakteristik des Sonnen- undFrühlingsgottes unwillkürlich auf Apollon geführt wird. Zu diesem gelangen die übrigenErklärungen. Hingedeutet ist auf Od. als„Helden auf der Sonnen- und Jahresbahn“schon bei Creuzer, Symbolik 3 3 , 173 A. 5. Phan-tastisch, obwohl gedankenreich weitergeführtist der Gedanke von Altenburg (s. o), Progr.!>. Schleusingen 1835, 1837: Od.’ Gang in denHades ist danach nichts anderes, als dafs dieSonne in das solstitium hibernum tritt, woalle Fruchtbarkeit entschwunden ist. Seine Ge-mahlin, eine Mond- und Erdgöttin (?), wirdbedrängt von 118 Freiern (und deren Be-gleitern); das sind die 118 Wintertage, die,mit drei multipliziert, das Mondjahr bilden.Aber der Sonnengott Od. erscheint, freilichvom Winter geschwächt, daher in Bettler-tracht; er siegt über die Freier und erlöst dieErde vom Winter. Der Meisterschufs durchdie zwölf Äxte bezeichnet des Sonnengottessieghaftes Vordringen durch die zwölf Monateoder die zwölf Bilder des Tierkreises. Die ge-töteten Freier werden in den Hades geführt,d. h. die Wintertage verschwinden in derUnterwelt. — Ohne Bezugnahme auf dieseallerdings von Zahlenmystik durchsetzteMythen-deutung erkennen doch auch andere kompetenteForscher in Od. einen apollinisehen Jahre s-
Odysseus (in der bild. Kunst: Kypria) 654
oder Sonnengott: Schwenck, Philologus 17,679; Steinthal, Zeitschr. f. Völkerpsychologie7, 82; v. Hahn, Sagwissenschaftl. Studien 390 f.403f.; Seeck, Quellen der Odyssee 267 f.; Mann-hardt , Wald- und Feldkulte 2, 106; namentlichaber v. Wilamowitz, Homer . Unters. 113 f.;vgl. auch v. Schröder, Kuhns Zeitschr. 19 199f.;Beloch , Gr. Gesch. 1 , 100. Ist diese Erklärungrichtig, was'zu entscheiden nicht dieses Ortesist, so ist jedenfalls jener der Odysseussageangeblich zu Grunde liegende physikalischeSinn früh in Vergessenheit geraten. Denn manwird sich trotz aller sinnreichen Deutungender vorgenannten Gelehrten kaum überzeugenkönnen, dafs in der homerischen oder gar inder nachhomerischen Dichtung aus der allego-rischen Hülle der naturgeschichtliche Kernklar hervorträte. Weil aber der Mensch Er-scheinungen, wie es der Kreislauf der Sonneund der damit verbundene Wechsel der Jahres-zeiten sind, naturgemäfs die aufmerksamsteTeilnahme entgegenbringt, hat sich dann auchder dichtende und schaffende Volksgeist derGriechen gerade der Odysseussage mit so leb-haftem Interesse bemächtigt und ihr zu einerFortentwickelung, ja unabsehbaren Verbreitungverholfen, die sich nicht auf Dichtung undSchrifttum beschränkt, sondern auch in derbildenden Kunst vielgestaltig zur An-schauung kommt.
IV. Odysseus in der bildenden Kunst.
Auch hier soll die biographische An-ordnung obwalten. So verlockend es wäre,die Entwickelung des Odysseustypus in derbildenden Kunst chronologisch zu verfolgen,dient es doch dem mythologischen Zweckemehr, die einzelnen Erlebnisse des Heldendurch die entsprechenden antiken Denkmälerzu belegen und ergänzend zu erläutern. Alseine Darstellung des frühesten Ereignisses inOd.’ Lebensgeschichte würde sich der Eid-schwur, den Helenas Freier leisten, aufdem Bilde einer apulischen Vase ergeben,wenn nicht dessen Deutung durch Panofka(Bull. d. I. 1847 S. 158f.) unsicher wäre; eineFigur, die sich als Od. erklären liefse, fehltüberdies hier, ebenso unter Helenas Freiernauf einem etruskischen Spiegel (Gerhard 2Taf. 196). — Den Wahnsinn desOd. und seineEntlarvung durch Palamedes behandel-ten schon die Maler Parrhasios (Plut. d.aud. poet. 3) und Euphranor (Plin. 35, 129;vgl. Lucian. dom. 30). Die Scene fand gleich-falls Panofka (Ann. d. I. 1835 S. 249f.) aufeinem geschnittenen Steine (Overbeck, Bild-werke zum thebischen und troischen HeldenkreisTaf. 13,4) dargestellt; überzeugender ist jedochdie Deutung Th. Bergks (Ann. d. I. 1846S. 302f.), der als Gegenstand die Geburt desetruskischen Gottes Tages aus einer Furcheerkannte, besonders weil der Pflüger hier zweiStiere, nicht, wie Odysseus , zwei verschiedeneZugtiere vorgespannt hat. — Während einigeVasenbilder, die sich angeblich auf den home-rischen Auszug Achills aus Phthia(A 767 f.) beziehen (Brunn, Troische Miscellenin den Sitzungsberichten d. Münchener Akad.
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