Band 
Dritter Band, erste Abteilung. Nabaiothes - Pasicharea.
Seite
1159-1160
JPEG-Download
 

1159 Orpheus (u. Eurydike)

unanfechtbaren Zeugnisse für die spätere FormdesMythosbis zum3.Jahrh. v. Chr. giebt, so folgtdaraus doch keineswegs, dafs der Mythos erst inso später Zeit entstanden oder früher in andererForm erzählt sei. Auch abgesehen von denReliefs und den unteritalischen Vbb., für diesich uns die weitaus wahrscheinlichste Deu-tung aus der späteren Sagenform ergeben wird,ist es schwer zu glauben oder vielmehr un-denkbar, dafs die im 5. und 6. Jahrh. weit-verbreitete abweichende Sagenfassung eines sooft erwähnten Mythos ohne jede Spur aus derÜberlieferung habe verschwinden können. Dieeinzelnen Zitate weichen, jedes für sich be-trachtet, von der späteren Sage nicht weiterab, als mythologische Anspielungen dieserZeit sich überhaupt von den gemeinten Mythenzu entfernen pflegen; und der einzige wirklichauffällige, aber bei der geringen Anzahl derin Betracht kommenden Stellen nicht uner-klärliche Umstand ist, dafs unter ihnen keinejeden Zweifel ausschliefsende ist. Aus dieserSeltenheit der Erwähnungen ist nicht einmaldas zu folgern, dafs der Mythos in der früherenZeit nur wenig bekannt gewesen sei; imGegenteil setzen gerade derartige leichte An-spielungen eine Verbreitung in weiteren Krei-sen und sehr wahrscheinlich auch die Behand-lung in einem gelesenen Dichtwerk voraus. Daalle litterarischen und archäologischen Zeug-nisse diesseits der Mitte des 5. Jahrh. liegen,so hat man neuerdings ein attisches Dramaals die gemeinsame Quelle dieser Anspielungenangesehen. Aber einerseits wäre die völligeZerstörung jeder Erinnerung an ein so ein-drucksvolles Werk nicht sehr wahrscheinlich,andererseits kann die Nichterwähnung desMythos bei Pindar, Aischylos, Bakchylides u. s. w.und sein Nichtvorkommen in der älteren bil-denden Kunst leicht ein Zufall sein. Es istdaher wahrscheinlicher, dafs schon ein älteresorphisches Lied etwa der Peisistratidenzeit,die sich mit 0. so viel beschäftigte, dieseSagenform erzählte; gerade bei den ältestenZeugen unseres Mythos ist Bekanntschaft mitälteren Orphika nachzuweisen. Freilich ob diegesuchte Quelle die altorphische xatäßaaig es"JiSov war, ist zweifelhaft: Flut. ser. num.vind. 22 spricht zwar, nachdem er die Unter-welt mit mehreren Zügen dieses Gedichtes ge-schildert (Sp. 1130,12 ff.), von dem Sänger, der diePsyche seiner Gattin gesucht habe, aber dieskann ein von ihm aus der allbekannten Sagehergeleiteter Zug sein. — Wenn nun im Gegen-satz gegen die spärlichen Zeugnisse in dervoralexandrinisehen Zeit bei den späterenHellenisten und bei den Römern die Eurydike-sage eines der allerbeliebtesten Motive ist,so scheint ein unbekanntes, aber viel nach-geahmtes Gedicht der jüngeren alexandrini-schen Zeit die Sage in der uns geläufigenForm fixiert und alle abweichenden Versionenverdunkelt zu haben. Die erste ausführlicheDarstellung findet sich bei Virg. Georg. 4,452 ff. (aus Nikandros' ’Ophiaka’ ? vgl. Baderbei Ettig, Acker. 317 A. 6 a. E. ; aus Philetas ?vgl. Antigon. Kargst. 19; Maafs, Orph. 295).Hauptsächlich ihm (aber, wie es scheint, unter

Orpheus (u. Eurydike) 1160

Mitbenutzung der alexandrinischen Quelle)folgt mit leiser Korrektur (vgl. besondersv. 61 mit Virg. v. 494) Ov. Met. 10, 1 ff., vonbeiden hängt Seneca Here. Oet. 1061—1099;Here. für. 571—591 ab. Wahrscheinlich be-handelte auch Lucans Orpheus diesen Mythos;s. Vacca, v. Lucani (Beifferscheid, Suct. p. 77);Serv. Virg. Georg. 4, 493; liber monstrorum

1, 6; 2, 8; Haupt, Ind. lect. Berl. 1863 S. 7

u. 18 = opusc. 2, 224 u. 239. — Haupt S. 4 =219 vermutet, dafs auch Serv. Aen. 6, 392 (vgl.Georg. 2, 389) auf Lucans Orpheus gehe, was

v. Wilamowitz , Hom. Untersuch. 221, 14 billigt;doch ist dies zweifelhaft. Von den zahllosensonstigen Erwähnungen dieses Mythos seienhervorgehoben Diod. 4, 25; Apollod. bibi. 1,3, 2 = 1, 14; Konon narr. 45; Paus. 9, 30, 6;Luk. dial. mort. 23, 3; Schol. Eur. Ale. 357;Tzetz., GUI. 1, 12, 305 — 316; 2, 54, 843—869.— Virg. Cul. 266; 290; Hör. carm. 3,11, 15ff.;Manil. astron. 5, 328; Stat. Theb. 8, 59 undausführlicher bei Placidus z. d. St. (S. 382Jahnke)·, Hyg. p. a. 2, 7; Myth . Vatie. 1, 76;

2, 44; 3, 8. 20 (vgl. Fulgent, myth. 3, 10) unddie nach Muncker interpolierte Fabel bei Hygin.164; vgl. ib. 251.

95) Allen diesen Erzählungen und Erwäh-nungen liegt sicher oder wahrscheinlich die-selbe Sagengestalt zu Grunde, nur einzelneZüge werden später noch hinzugefügt. 0.hatte durch seinen Gesang die Eurydike ,nach einigen (Serv. Georg. 4, 460; Myth. Vatic.

2, 44) eine Dryas oder eine Nymphe (Myth.Vatic. 3, 8, 20) oder eine Tochter Apollons (Myth. Vatic. 1, 76), gewonnen (Hyg. fab. 164;Myth. Vatic. 3,8,20; Fulg. — Maafs, Orph. 150 A.zu 149 vergleicht das von Schoene, Bull. delVInst. 1867 S. 49 besprochene Wb.; s. untenSp. 1177,30 ff.; vgl. dagegen Knapp,Orpheusdarst.14 zu 13, 2). Unglückliche Zeichen kündetenschon bei der Hochzeit das vorzeitige Endeder Ehe an; die Fackeln wollten nicht brennen(Ov. Met. 10, 6). Auf der Flucht vor Aristaios(Verg. Georg. 4, 456 und die Myth. Vatic.)wird Eurydike von einer Schlange in denKnöchel (Ov. Met. 10, 10) gebissen. Selt-sam erzählt der oben erwähnte Liber monstror.

3, 2: Hydra anguis armatus fuisse describitur,quae Eurydicen coniugem Orphei in ripa flu-minis capite truncavit et demersit in gurgitem. —Aus Schmerz über den Verlust steigt 0. in dieUnterwelt (über die Lokalität des Hadesein-ganges ob. Sp. 1100,24; 63 ff.). Die Überwindungder Unterweltsmächte durch 0. ist ein beliebtesMotiv der späteren Dichtung; parodistisch läfstLuk.nekyom. 7 demMenipposdenRatzukommen,sich im Hades für Herakles, Odysseus oderOrpheus auszugeben. In der Ausmalung derWirkung seines Gesanges in der Unterweltüberbieten sich namentlich die römischenDichter. Kerberos kann nicht widerstehen(Hör.), er hält die drei Mäuler offen (Virg.);die Schatten kommen alle herbeigeströmt, derTartaros selbst erstarrt (Virg.). Die Eumenidenweinen ( Virg. ; JTor.; Ov. ·, Stat.), desgleichen derTodesgott (3Ianil.)·, das Rad des Ixion bleibtstehen (Virg.·, Ov. ·, Sen. Here. Oet.). Ixion undTityos lachen widerwillig (Hör.), Sisyphos

io

20

so

40

50

60